Wien - Weltweit gibt es mehr als 250 Verhaltenskodizes aus den verschiedensten Wirtschaftsbereichen. Nun ist ein weiteres Ethikleitbild dazugekommen. Auf Initiative von Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Wirtschaftsministerium wurde am Donnerstag nach einjähriger Arbeit ein 16 Punkte umfassendes Leitbildpapier der Öffentlichkeit vorgestellt: "Erfolgreich wirtschaften. Verantwortungsvoll handeln."

Industriepräsident Peter Mitterbauer brachte auf den Punkt, was Kritiker ärgert: "Das ist kein gesetzgeberisch verankertes Sozial- oder Humanprogramm, sondern ein Managementwerkzeug." Das bedeutet: Das Leitbild glänzt durch Allgemeinplätze und seine Freiwilligkeit, Kontrollen oder gar Sanktionen bei Verstößen seien bewusst nicht eingebaut worden. Dafür wird Anfang 2004 der erste Preis vergeben, an Firmen, die sich ganz besonders stark dem neuen CSR-Leitbild verpflichtet fühlen. (CSR steht für "Corporate Social Responsibility").

Mitterbauer nannte drei geschäftsrelevante Motive, warum Unternehmen zunehmend gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssten: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen seien für talentierte Jungakademiker attraktivere Arbeitgeber, bei Investmententscheidungen käme der CSR-Philosophie eine immer größere Bedeutung zu, außerdem fließen Ethikkriterien immer stärker in die Kaufentscheidungen von Privathaushalten ein.

Eine gesetzliche Verankerung der neuen Leitlinien verlangen Vertreter von ÖBG, Arbeiterkammer, entwicklungspolitischen Organisationen sowie ökologisch orientierten Gruppen. Die Initiative der Wirtschaft sei zwar zu begrüßen, greife in der derzeitigen Form aber noch zu kurz, sagen NGO- und Arbeitnehmervertreter einhellig. ÖGB-Vizepräsident Rudolf Hundstorfer regte an, dass sich die Übernahme von sozialer Verantwortung, wenn schon nicht in Gesetzen, so doch in den Kollektivverträgen wiederfinden solle. (miba, APA, Der Standard, Printausgabe, 05.12.2003)