Berlin - Die Zuversicht von Finanzmarktexperten über die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland ist im Dezember erneut deutlich gewachsen. Besonders der Aufschwung in den USA macht den Experten nach Angaben des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mut. Der starke Euro bereitet ihnen dagegen bisher kaum Sorge.

Ungebrochender Optimismus

Der vom ZEW monatlich ermittelte Saldo der Konjunkturerwartungen von 300 befragten Analysten und institutionellen Anleger stieg nach Angaben vom Dienstag auf 73,4 von 67,2 Punkten im November. "Die Erwartungen der Finanzanalysten reflektieren ungebrochenen Optimismus. Nun kommt alles auf die Realisierung durchgreifender Reformen an", erklärte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.

Volkswirte sahen sich durch den ZEW-Indikator in ihrer Erwartung bestätigt, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten Fahrt aufnimmt. "Letztlich ist es die weltweite Konjunkturerholung, die sich in den Erwartungen breit macht", sagte Ulrike Kastens von Sal. Oppenheim. Von Reuters befragte Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Anstieg des Konjunkturbarometers auf 70,5 Zähler gerechnet.

Erholung verfestigt sich

Die aktuelle Konjunktursituation schätzten die befragten Anleger und Analysten ebenfalls weniger pessimistisch ein. "Im Großen und Ganzen bestätigt sich das Bild, dass sich die Erholung verfestigt", sagte Bernd Weidensteiner von der DZ Bank. Allerdings kletterte der entsprechende Saldo - also die Differenz positiver und negativer Einschätzungen - nur um knapp vier auf minus 83,7 Punkte und blieb so sehr niedrigem Niveau.

Auf Grund der zuletzt positiven Wirtschaftsdaten - wie etwa dem Anstieg der Aufträge und Produktion im Oktober - haben einige Experten bereits ihre Vorhersagen für das letzte Vierteljahr und das kommende Jahr angehoben. Erst am Montag hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Wachstumsprognose für das vierte Quartal auf 0,5 von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal erhöht.

Euro-Aufwertung nicht so problematisch

Die Euro-Aufwertung spielte nach Angaben des ZEW zurzeit eine eher untergeordnete Rolle. Auch der Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), Thomas Straubhaar, sagte in einem Reuters-Interview, der Euro-Anstieg sei keine Belastung für die deutsche Wirtschaft: "Wir befürchten keine negativen Auswirkungen." Zwar erschwere ein teurerer Euro einigen Exporteuren das Leben, aber gleichzeitig profitierten viele Firmen von billigeren Importen. Der Euro stieg den achten Tag in Folge auf ein neues Rekordhoch von knapp 1,23 Dollar.

Das ZEW und die Analysten äußerten die Hoffnung, dass Anfang kommenden Jahres zusätzliche Steuersenkungen die Binnennachfrage stärken. "Dann könnte die Binnennachfrage den Bremseffekt des Euro kompensieren. Man braucht beide Beine zum Laufen: die Binnenwirtschaft und den Export", sagte Weidensteiner. Wie dringend die deutsche Wirtschaft das Vorziehen der Steuerreform braucht, ist allerdings unter den Experten weiterhin umstritten. Straubhaar sagte, ein Scheitern der Reformen würde kurzfristig das Wachstum kaum dämpfen. Der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard hatte dagegen noch am Montag vor großem wirtschaftlichen Schaden durch die psychologischen Folgen eines Scheiterns gewarnt.

Das Stimmungsbarometer für die Euro-Zone stieg den ZEW-Angaben zufolge auf 78,2 von 72,1 Punkten. Der Deutsche Aktienindex reagierte kaum auf den ZEW-Indikator. "Der ZEW-Bericht war zwar gut, aber der Markt hat kaum darauf reagiert, weil ohnehin wenig los ist. Viele Anleger haben die Bücher schon geschlossen", sagte ein Händler. (APA/Reuters)