Ingemar Stenmark war einer der wenigen der auf klassischen Alpinskis mit spektakulären Innenlagen umgehen konnte.

(Bild aus Heavenly Valley 1979, RS 1. Platz)

Der "Innenskifehler" ist ein klassisches Beispiel wie ansteckend Verbreitung von Missverständnissen aus Ratlosigkeit wirken kann. Deshalb vorweg: den klassischen Innenskifehler gibt es eigentlich (fast) gar nicht... mehr.

Tradition

Was auf schwach taillierten Skis der Vorcarvingzeit zu gefürchteten Ausrutschern am eisigen Steilhang führte und mit pragmatischer Skilehrerlogik diagnostiziert wurde - "einiglegt und aussigflogn " - war und ist eindeutig: ohne entsprechende Geometrie und Bauweise kann man am Innenski nur mit sehr viel Geschwindigkeit und Druck jenen nötigen Aufkantwinkel erzeugen, der seitliches Abrutschen besonders auf sehr harten und steilen Pisten verhindern würde. Innenlage galt deshalb als großer Fauxpas, der im Spitzenrennlauf nur ganz selten zu sehen war.

Innovation

Das ist jetzt anders. Denn jeder der seine Carvingskis voll auszukosten versteht, weiß, dass es nichts genussvolleres gibt als sich mit einem Maximum an Innenskibelastung in den Hang zu schmiegen und so die Kräfte hautnah am Schnee zu erleben. Je höher die Geschwindigkeit, desto mehr Lean ist möglich, ein guter Carvingski hat jenen Grip dem man von Kurvenanfang bis –ende vertraut. Und gerade Rennläufer sollten wohl genug Kraft, Speed und optimales Material für die spektakulärsten Innenlagen haben, egal ob im persönlichen Stil fest verankert oder als Ausweg am letzten Limit die Kurve noch zu "kratzen".

Ursache

Die moderne Skitechnologie ermöglicht so extreme Aufkantwinkel am Innenski, dass Rennläufer oft am glatten Kunststoff des Skischuhs ausrutschen - Schuhe sind ja anatomisch bedingt breiter als Rennskis. Dieser Effekt ist eine viel tückischere Sache als der klassische Innenskifehler – hier kann man mit der nötigen Sensibilität den abnehmenden Druckverlust ausmachen und mit der entsprechenden Technik einen Sturz vermeiden. Der Ausrutscher am Schuh aber kommt so unverhofft, plötzlich und in verschiedensten Situationen, dass er für den Akteur meist nicht korrigierbar und in seiner Entsehung nur mit einem sehr kritischen Blick kommentierbar ist. Also liegt der Schluss nahe - der allzu oft verwendete Erklärungsversuch „Innenskifehler“ ist ein bei Skikommentatoren ebenso beliebtes Paradoxon wie der „Eigenfehler“ bei den Tenniskollegen. Klartext – der moderne Innenski ist am besten geeignet den traditionellen Innenskifehler zu verhindern.

Lösung

Klar und einfach wäre auch die Umgehung des terminologischen Missverständnis, ein neuer Name für ein neues Phänomen - in Carvingkreisen spricht man den Innenski frei und schon längst von BootOut. Lösungen haben Experten, die sich weniger aufs Kommentieren verstehen und deshalb mehr aufs Fahren verlegen, auch für die Vermeidung der fatalen Ausrutscher gefunden: entweder drastische Erhöhung der Standhöhe durch Platten und Bindungsaufbauten oder die sanfte Lösung durch eine verbreiterte Skimitte. Beides hilft – allerdings nicht den Rennläufern, dafür sorgt die FIS.

Beide Möglichkeiten werden durch umständliches Regelwerk stark limitiert - zumindest was die Skibreite betrifft vollkommen unverständlich. Bleibt nur zu hoffen, dass die für Rennläufer momentan einzige Alternative – möglichst schmale Skischuhe – nicht schon in ehrgeizigen Skikindergärten zur chinesischen Lotusfüßchen Praktik führt. (Nicola Werdenigg)