Man könnte zum Verschwörungstheoretiker werden. Wenn man nämlich folgende Fakten in eine Beziehung zueinander bringt: Die Regierung Bush ist kein Freund der europäischen Einigung, die Europa zu einem globalen Player und damit Rivalen der USA machen soll.

Eine eigenständige europäische Verteidigung, aber im Grunde auch eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik sind den Hardlinern in der jetzigen Administration zutiefst suspekt. Anlässlich des Irakkrieges zeigte sich die Spaltung Europas in ihrem Verhältnis zu den USA. Das alte EU-Mitglied Großbritannien sprang automatisch an die Seite von Bush, ebenso die Spanier und die Italiener.

Das neue EU-Mitglied Polen erwies sich ebenfalls als treuer Verbündeter der USA, schickte Truppen und sollte sogar einen gewaltigen Teil der Verwaltung des eroberten Irak übernehmen (womit es sich aber ziemlich übernommen hatte). Insgesamt acht neue und alte EU-Mitglieder unterzeichnen einen Brief, in dem sie Treue zur USA geloben.

Schwenk nach Brüssel. Hier versucht die EU, sich eine Verfassung zu geben, deren wesentlicher Bestandteil ein System zur Herbeiführung von Mehrheitsentscheidungen auch auf dem Gebiet der Außen-und Sicherheitspolitik ist.

Was geschieht? Spanien und vor allem Polen schmeißen durch ihre harte Haltung den Gipfel, die Verfassung ist vorläufig geplatzt, ernst zu nehmende Kenner der Situation wie Kommissar Franz Fischler sprechen von einem möglichen "Anfang vom Ende der EU". Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, ein gefährlicher Clown mit großer Liebe zu Präsident Bush, legt seine Rolle als diensthabendcr EU-Ratspräsident an wie ein Alleinunterhalter auf einem Kreuzfahrtschiff, der er einmal war. Sollen wir dahinter einer amerikanische Intrige vermuten? Das wäre eine Überinterpretation, sagt Franz Fischler dazu, und in der Tat haben sich die EU-Granden das Fiasko von Brüssel schon selbst eingebrockt.

Aber das Programm von der Supermacht Europa oder, genauer, der "Gegenmacht Europa" ist vorläufig abgesagt. Europa muss sich bis zu einem gewissen Grad von den USA emanzipieren. Das hat sich lange abgezeichnet und wurde durch die "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns"-Philosophie der Bush-Männer nur bestärkt. Europa ist bevölkerungsmäßig und von der Wirtschaftskraft her den USA weit überlegen.

Eine Supermacht wird man allerdings nur, wenn man, wie die USA, fast überall auf der Welt militärisch eingreifen kann (allerdings ist auch diese Definition praktisch schon überholt: Gerade der Irakkrieg und die katastrophale Nichtbewältigung des Friedens bewirkten, dass sich die anderen "Schurkenstaaten" wie Nordkorea, Syrien, Iran jetzt ziemlich sicher fühlen können. Das US-Militär ist einfach überdehnt).

Aber der Gipfel von Brüssel hat gezeigt, dass etliche neue und alte Mitglieder der EU schlicht und einfach keine notfalls von den USA unabhängig handlungsfähige EU wollen. Polen ist den USA für die Unterstützung bei der Befreiung vom Kommunismus einfach zu dankbar und denkt nicht daran, die US-Sicherheitsgarantie gegen ein wiedererstarkendes Russland aufzugeben. Berlusconi und der spanische Premier Aznar denken als Politiker eher in den Kategorien der rechten Republikaner als in denen europäischer Christdemokraten. Blair sieht sein Schicksal ohnehin mit den USA verknüpft.

Sie (und ein paar andere) werden nie etwas tun, was die Dominanz der USA ernstlich infrage stellt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2003)