Wien - Russland nach der Wende: Eine junge Russin erlebt den Zerfall ihrer Geburtsstadt. Der gesellschaftliche Umbruch macht auch vor der eigenen Familie nicht Halt: Von der Mutter verlassen und auf sich alleine gestellt, versucht das Mädchen ihrer tristen Umgebung zu entkommen. Als ihr ein junger Mann ein besseres Leben in Schweden verspricht, sagt sie sofort zu. Einen Job als Gemüsehändlerin könne er ihr besorgen, wohnen könne sie ja bei ihm. Als sie in Stockholm den Flughafen verlässt, erwartet sie dort allerdings ein Anderer.

Im Film "Lilja Forever" zeichnet Regisseur Lukas Modysson das sehr eindringliche Bild eines jungen Mädchens, das in die Prostitution gezwungen wird. Ein Schicksal, das sich nach einem Bericht der OSZE etwa 500.000 Mal im Jahr widerholt. Nach Schätzungen der EU-Kommission weden allein in den 15 Staaten der Europäischen Union jährlich mindestens 120.000 Frauen und Kinder Opfer von Menschenhändlerringen. Nach einem Bericht des Magazins "National Geographic" würden weltweit 27 Millionen Menschen in Sklaverei leben und dabei zwölf Milliarden Euro jährlich erwirtschaften.

Junges Phänomen

Das Problem des organiserten Menschenhandels wurde erst spät erkannt. "Noch vor fünf Jahren hätte mir das Stichwort 'Menschenhandel' nicht viel gesagt", sagt Urdur Gunnarsdottir, Sprecherin der OSZE-Organisation für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIR) dazu. "Menschenhandel ist ein sehr junges Phänomen." Seit einigen Jahren versucht man nun durch verstärkte internationale Zusammenarbeit dem Menschenhandel beizukommen. Richtlinien, welche die betroffenen Staaten unter anderem zu intensiverer Zusammenarbeit auffordern, wurden erarbeitet, die institutionelle Zusammenarbeit intensiviert.

Zuwenig Opferschutz in betroffenen Ländern

Laut ODIR-Sprecherin Urdur Gunnarsdottir komme die nationale Gesetzgebung der vom Menschenhandel betroffenen Staaten aber bis heute den Opfern zu wenig entgegen. Gefordert seien in diesem Zusammenhang auch die Zielländer der Menschenhändler. Denn viele Frauen würden sich illegal aufhalten und bei einer Festnahme wie Kriminelle behandelt werden und in der Regel abgeschoben. Die größten Probleme gebe es bei Frauen, die in die Sexindustrie gezwungen werden. "Wenn man diesen Opfern keine Unterstützung oder wirkliche Begleitung anbietet, werden sie gar nicht erst aussagen, denn sie werden entweder von ihren Peinigern bedroht oder wollen auf keinen Fall in ihr Heimatland zurück, schon alleine um der Schande zu entgehen".

Mangelnde Verbesserungsvorschläge

Nicky Wattson von der Internationalen Helsinki-Föderation für Menschenrechte (IHF) sieht die Problematik ähnlich. Viele OSZE-Mitgliedsstaaten würden ihre Vertreter zwar zu Treffen entsenden und Expertisen gegen Menschenhandel mit ausarbeiten, aber keine konkreten Verbesserungsmaßnahmen im eigenen Land umsetzen. Dazu komme, dass Gewalt an Frauen in vielen Gesellschaften nach wie vor auf zu große Akzeptanz stoßen würde.

Situation in Österreich

In Österreich liegt die Novelle zum Sexualstrafrecht seit November 2003 zur Bearbeitung im Parlament. Dabei geht es unter anderem um höhere Strafrahmen für Menschenhandel und Pornographie. Der Opferschutz bei Menschenhandel findet in der Gesetzgebung aber noch keine Erwähnung. (APA)