Zur Zeit des Sechstageskrieges 1967 kam es zu einer folgenschweren Kontroverse zwischen dem französischen Staatspräsidenten de Gaulle und dem großen Philosophen und Politologen Raymond Aron über die Beziehung zwischen dem Staat Israel und den Juden in der Diaspora bzw. über die Kriterien einer antisemitisch anmutenden Aussage.

Inzwischen sind über 35 Jahren vergangen, und das siegreiche Israel wird heute auch von Menschen, die sich stets gegen Alt- und Neonazis, gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen haben, als unerträglich arrogante Besatzungsmacht angesehen, öffentlich kritisiert.

Dass die Regierung und die Partei Ariel Sharons fast jede Israel-Kritik als antisemitische Stimmungsmache qualifiziert, besorgt freilich die Geschäfte jener, die ihren abgrundtiefen und bisher mühsam kaschierten antijüdischen Ressentiments endlich freien Lauf lassen können.

Dass es selbst in Israel auch in der Zeit schlimmster Terroranschläge eine starke Opposition gegen die verhängnisvolle Annexion und Siedlungspolitik israelischer Regierungen gab, dass Zehntausende Menschen immer wieder durch Demonstrationen Frieden mit den Palästinensern gefordert und dass gerade jüdische Intellektuelle von Tony Judt bis Amos Elon die Sharon-Politik mit außerordentlicher Schärfe angegriffen haben, wird auch hier und in Deutschland von "ehrbaren Antisemiten" (Jean Améry) vergessen oder verdrängt, wenn sie sich mit den sattsam bekannten "Argumenten" melden: "Ich habe nichts gegen die Juden, aber ich muss schon sagen, dass ..."

In seiner Dankesrede anlässlich des Börne-Preises sprach George Steiner im Mai mit Ironie und Emotion über das gleiche Thema wie seinerzeit Aron, über die "Beziehung des Gastjuden in der Diaspora zum Zionismus im Lande Israel". "Einerseits sei Israel", so Steiner wörtlich, "ein reines Wunder, ein magisch erfüllter Traum aus der Hölle (. . .), der einzige sichere Zufluchtsort für den Juden, wenn es irgendwo wieder losgeht. Und es wird wieder losgehen!" Andererseits müsse Israel, um in einer fanatisch feindlichen, hasserfüllten Umwelt zu überleben, auch foltern und Nachbarn erniedrigen. Sei dieser Preis zu hoch? Habe Israel nun dem Judentum seinen moralisch-metaphysischen Adelstitel (einem Volk anzugehören, welches nicht gefoltert hat!) weggenommen?

Diese Fragen beschäftigen, ja quälen nicht nur die Israelis, sondern auch die Juden, die außerhalb Israel leben und als Angehörige einer Schicksalsgemeinschaft die Barbarei des Nationalismus, Chauvinismus, Fremdenhasses stets abgelehnt, vielfach bekämpft haben.

Kritiker, die leidenschaftlich die Annexionspolitik Sharons und seiner Vorgänger pauschal verurteilen, zugleich aber den Selbstmordterrorismus stillschweigend zur Kenntnis nehmen und die Gefahr eines weltweit von rechts bis links aufkeimenden Antisemitismus unterschätzen oder verdrängen, können und dürfen nicht nach Abstammung qualifiziert werden. Jene, die mit gespaltener Zunge reden und vor Begeisterung über die legitimierte Israel- und Judenbeschimpfung die Nostalgie nach ihren HJ-oder Waffen-SS-Jugenderlebnissen nicht zügeln können, sind auch heute noch leicht als unverbesserliche Antisemiten zu erkennen.

Die Grenzlinie zwischen berechtigter Kritik am Staat Israel oder der israelischen Regierung und bewusstem oder unbewusstem Antisemitismus ist auch für aufrechte Demokraten sehr schwer zu ziehen. Für die Juden verläuft sie seit Auschwitz im Geiste, im Herzen, in der Erinnerung, ja im Blut. In Zeiten des weltweiten Aufstiegs tribalen Hasses braucht man aber weniger denn je unverbesserliche Kiebitze einer tragischen Entwicklung. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2003)