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Jacques Vergès: Pariser Starjurist mit Sinn fürs Spektakuläre.

Foto: REUTERS/Ali Jarekji
Tarek Aziz, der frühere irakische Premierminister, ist der jüngste Zugang in seiner Klientenkartei. Mitte dieser Woche flog Jacques Vergès, der "Anwalt des Bösen", bereits nach Amman, um sich mit Aziz' Familie zu beraten. Einen zweiten Kunden hat‑ der Franzose schon im Visier: Saddam Hussein. Den hätte Vergès gern schon 1991 verteidigt, während des Golfkriegs, als unklar war, ob die US-Armee nicht doch gleich nach Bagdad marschiert und den Machthaber gefangen nimmt.

"Saddam Hussein ist ein moderner Held", erklärte Vergès damals, und der Irak habe jedes Recht, das künstlich geschaffene Emirat Kuwait zu annektieren. Heute hält sich der mittlerweile 78-jährige Staranwalt aus Paris nach eigenem Bekunden "bereit", die Verteidigung des gestürzten irakischen Staatschefs zu übernehmen, auch wenn die US-Armee nicht einmal sagen will, wo sie Vergès' Klienten in spe festhält.

Vergès' Angebot zeigt die Anhänglichkeit der politischen Klasse in Frankreich an das verblichene irakische Regime, vielmehr aber noch den unerschöpflichen Geltungsdrang des Advokaten, der in seiner langen Karriere als Strafverteidiger reichlich Trophäen sammelte: Jacques Vergès vertrat die Unabhängigkeitskämpfer der algerischen Befreiungsfront FLN gegen den französischen Kolonialstaat, den Nazischergen Klaus Barbie 1987, Terroristen der deutschen RAF oder der französischen Action Directe, den Opec-Terroristen Carlos, als er 1994 an Frankreich ausgeliefert wurde, zeitweise auch Slobodan Milosevic oder‑ Louise-Yvonne Cassetta, zen 3. Spalte trale Figur in einem Parteispendenprozess der früheren Gaullistenpartei, der auf Staatschef Chirac zielt.

Von Erfolg waren die Verteidigungen seiner Topfälle nicht wirklich gekrönt: 150 seiner Mandanten seien zur Todesstrafe verurteilt worden, gab er einmal als Zwischenstand durch, als in Frankreich noch die Kapitalstrafe galt, aber de facto nicht mehr ausgeführt wurde. Ein Anwalt muss seine Mandanten verstehen, sagt der Vater dreier Kinder – "Ein Terrorist legt nicht nur Bomben, er wirft auch Fragen für die Gesellschaft auf."

Der Schlüssel zum Verständnis von Jacques Vergès liegt wohl in seiner Familiengeschichte: Jacques und sein Zwillingsbruder Paul – er sitzt als Kommunist im französischen Senat – wurden 1925 im heutigen Thailand geboren als Söhne einer Vietnamesin und eines französischen Konsuls: eine unmögliche Situation im damaligen Kolonialreich. Vater Raymond zieht sich mit der Familie auf die Insel Réunion zurück und gründet dort eine Filiale der Kommunistischen Partei Frankreichs. Die Vergès-Söhne wachsen zwischen zwei Welten auf. "Ich bin ein Zwitterwesen", sagt der Staranwalt von sich selbst, halb französisches Establishment, halb Linksrevolutionär. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2003)