Bild nicht mehr verfügbar.

Ein Vertreter des "alten Europa": Der deutsche Kanzler Schröder.

Foto: APA/EPA/APA/ROBERT JAEGER
Wien Bush oder Howard Dean: Wer wird die Präsidentschaftswahlen 2004 gewinnen? Es sei viel zu früh, um seriöse Prognosen abzugeben, winkt Charles Kupchan, Politologe und Spezialist für Internationale Beziehungen an der Georgetown University in Washington, ab. "Da kann noch so viel passieren, ein großer Terroranschlag oder die völlige Auflösung des Irak." Eine Diagnose lässt sich Kupchan, der unter Präsident Bill Clinton im Nationalen Sicherheitsrat für Europa zuständig war, freilich doch abluchsen: Bush sei "ziemlich gut aufgestellt".

Howard Dean, der zurzeit wahrscheinlichste demokratische Gegenkandidat Bushs, habe einen großen Nachteil und einen großen Vorteil. Der Nachteil: Dean würde zwar die links der Mitte stehenden Wähler in den Küstenstaaten problemlos hinter sich versammeln, aber bei den zentristischen Wählern – Demokraten und Republikanern – im Mittleren Westen hätte er einen schweren Stand. "Genau dort aber werden die Wahlen entschieden, in Staaten wie Ohio, Michigan, Wisconsin."

Deans Stärke: Er habe das Zeug, eine neue Vision von Amerika zu formulieren und sich den vielen zynisch gewordenen Wählern als systemfremde Alternative zu präsentieren.

Drei Phasen

Kupchan, der am Mittwoch auf Einladung des Renner-Instituts in Wien über den Stand der transatlantischen Beziehungen referierte, glaubt im Denken der Bush-Regierung über Europa drei Hauptphasen erkannt zu haben. In der Anfangszeit erschien Europa als irrelevant, als ein Kontinent von "Zigarettenrauchern und Weintrinkern, die einfach nicht wahrhaben wollen, welche Gefahren es in der Welt gibt". Dann kam Phase zwei, in der Europa als "Hemmschuh oder sogar Bedrohung" betrachtet wurde.

Darauf habe die US-Politik mit einer Teile-und-herrsche- Taktik reagiert ("desagrega^tion" im Washingtoner Politjargon) und den seit 1945 bestehenden Konsens aufgekündigt, dass ein geeintes Europa dem US-Sicherheitsinteresse am besten diene. Derzeit glaubt Kupchan eine Phase der Besinnlichkeit zu orten, in der die ärgsten Spitzen aus Phase zwei zurückgenommen und ein konzilianterer Kurs eingeschlagen werde.

Ungeachtet dessen befänden sich die USA und Europa an einem Scheideweg, von dem eine Abzweigung bis zur völligen Entfremdung und Trennung führen könnte. Das, meint Kupchan, wäre ein "Desaster" und würde die Lösung aller weltpolitischen Probleme vom Terrorismus bis zu Aids erschweren.

Kupchan hält im Übrigen eine US-Politik, die Europa abschätzig behandelt, für weltfremd und kurzsichtig. Denn Europas weltpolitische Bedeutung werde mit seiner zunehmenden Integration zunehmen – daran ändere auch ein geplatzter EU-Verfassungsgipfel nichts. Auch die US-Bundesstaaten hätten sehr, sehr lange gebraucht, ehe sie zur nationalen Einheit zusammenfanden: Trotz der gemeinsamen Sprache "waren Virginia und Massachusetts im 18. Jahrhundert voneinander so weit entfernt wie Österreich heute von den Niederlanden."(Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2003)