Seinen dreijährigen Sohn soll ein Niederösterreicher ermordet haben. Der Mann stach mit einem Messer auf den Buben ein und ertränkte ihn in der Donau bei Greifenstein. Über sein Motiv schweigt der 28-Jährige, der seit August das Sorgerecht für den Buben hatte.

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Tulln/Wien - "Am Ende dieser schaurigen Nacht gab es leider kein Weihnachtswunder." Franz Polzer, Leiter der niederösterreichischen Kriminalabteilung (KA) erzählt mit gedrückter Stimme über den Fall, den seine Kollegen in der Nacht zum Freitag bearbeiten mussten: Ein 28-jähriger Mann soll seinen drei Jahre alten Sohn getötet haben. Indem er ihn zuerst mehrmals mit einem Messer verletzte und dann in die Donau warf.

Schweigen über Motiv

Der Hilfsarbeiter aus Tulln hat die Tat vor der Gendarmerie zwar gestanden, über sein Motiv schweigt er sich allerdings aus. "Es gab offensichtlich keinen bestimmten Auslöser, den er uns erzählen konnte", fasst Polzer zusammen. Der Mann ist seit etwa einem Jahr geschieden, im August dieses Jahres bekam er das Sorgerecht für das Kind zugesprochen.

Die Tragödie begann nach den bisherigen Erkenntnissen am Donnerstagmorgen. Herbert L. lud seinen Sohn Pascal ins Auto und fuhr weg. Allerdings nicht zum Kindergarten, sondern auf eine planlose Reise, die ihn bis nach Berchtesgaden führte. "Dort sind die beiden dann nach Angaben des Verdächtigen spazieren gegangen, ehe sie am Abend zurück nach Tulln gefahren sind", erzählt Polzer.

Bub überlebte Messerstiche

Im Heimatort hielt der Mann nicht an, sondern lenkte den Wagen ans Donauufer oberhalb des Kraftwerks Greifenstein. Mit einem Messer stach der 28-Jährige dort dem Dreijährigen mehrmals in den Hals. Der Bub überlebte, daher drückte der Vater das Kind unter Wasser und warf es in die Donau. Anschließend sprang Herbert L. selbst hinein, rettete sich jedoch wieder ans Ufer.

Mutter meldete Kind vemisst

Völlig durchnässt klopfte der Mann an die Haustüre von Anrainern, mittlerweile war die von einem Passanten verständigte Gendarmerie schon auf dem Weg. Bald darauf stellte sich heraus, das eine Verbindung zu einer Vermisstenmeldung bestand: Die Mutter des Verdächtigen hatte die Abwesenheit ihres Sohnes und des Enkelkindes bemerkt und die Exekutive alarmiert.

Nach dem Geständnis suchten rund 150 Feuerwehrmänner in der Donau nach dem Buben, bargen das leblos auf dem Wasser treibende Kind und konnten es gegen 22 Uhr sogar wiederbeleben. Es half nichts mehr, um fünf Uhr starb Pascal im Schockraum des Wiener AKH.

Trennungsopfer

Kinder sind gerade nach Trennungen der Eltern immer wieder Opfer von Bluttaten. Erst im September erschoss in Wien ein 41-Jähriger seine fünf Jahre alte Tochter und sich selbst, weil er offenbar das Scheitern seiner Ehe nicht verwunden hatte. Für Aufsehen sorgte vor zwei Jahren auch der Mord an einem Dreijährigen in Tirol. Das Kind war von seinem Vater bei einem Spaziergang in Innsbruck erwürgt und verscharrt worden.

Etwa 85 Prozent der Täter, die Familienmitglieder töten, sind Männer. Der Tat geht meist ein emotionaler Eskalationsprozess voraus. Der Soziologe Helmut Tausendteufel von der Freien Universität Berlin spricht von einem "starken Abhängigkeitsverhältnis zwischen Täter und Opfer." Bei einer Krise verstärke sich das Gefühl, die Beziehung kontrollieren zu müssen.

Kontrole über die Beziehung

Eskaliert die Situation, könne der Täter sein Handeln immer weniger rational steuern. Nur noch Mord scheint ein Ausweg zu sein. "Dadurch erlangt er ein letztes Mal Kontrolle über die Beziehung und damit über seine Abhängigkeit." Die Tat entschädigt für tatsächliche oder vermeintliche Demütigungen. "Ein angeschlagenes männliches Selbstwertgefühl versucht, sich am Anspruch männlicher Überlegenheit aufzurichten."

Insgesamt wurden im Jahr 2002 knapp 18.000 Minderjährige zu "Scheidungswaisen", 4738 von ihnen waren jünger als sechs Jahre. Die Scheidungsrate ging im vergangenen Jahr allerdings erstmals seit 1986 leicht zurück: Auf 44,4 Prozent. (APA, moe, DER STANDARD Printausgabe 20/21.12.2003)