1877 - Thomas Alva Edison erfindet ein Gerät zur Aufzeichnung menschlicher Stimmen. Im Zentrum des Musikschaffens erregt die Erfindung des "Phonographen", wie er sein Gerät nennt, keinerlei Aufsehen. Die Musikindustrie besteht im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus den in der New Yorker Tin Pan Alley beheimateten Musikverlegern und -veranstaltern. In unmittelbarer Broadway-Nähe werden die populären Musiknummern gedruckt, die gerade in den Vaudeville-Komödien aktuell sind.

Bis 1887 war Edisons Erfindung in Vergessenheit geraten, denn als Diktiergerät, und nur als solches wollte es Edison eingesetzt sehen, konnte sich der Phonograph nicht durchsetzen. Erst als Edison mit seinem Unternehmen dem Ruin nahe war, erkannte er das Potenzial des Phonographen als Instrument der Unterhaltung. Einer massenhaften Verwertung stand allerdings das Speichermedium Tonzylinder entgegen, das nur einmal bespielt und nicht vervielfältigt werden konnte.

Dann erfand der deutsche Emigrant Emil Berliner die Schallplatte mit dem Trägermedium Hartgummi, und der massenhaften Verbreitung ein und desselben Tonträgers stand nichts mehr im Wege. Auf dem Umweg über Europa wurde Berliners "Grammophon" auch in den USA ein Verkaufsschlager. Um den lokalen Markt von Washington und dem District Columbia zu versorgen, engagierte der Erfinder den 20-jährigen Pianisten Fred Gaisberg als Talentesucher für Musikaufnahmen. Das sollte weit reichende Folgen für die Volksmusik haben.

Gaisberg ging es nicht um den Bekanntheitsgrad der Musiker, sondern darum, möglichst viele populäre Musikstücke, darunter zahlreiche irische Volkslieder, auf Platte anbieten zu können. Technische Verbesserungen wie Schellack als Tonträger und intensive Werbeaktivitäten führten endlich auch zum wirtschaftlichen Erfolg, sodass Fred Gaisberg beauftragt wurde, in London ein Aufnahmestudio einzurichten und danach in ganz Europa Musikaufnahmen zu sammeln. Nachdem 1902 die Patentstreitigkeiten der konkurrierenden Unternehmen eingestellt worden waren, standen nun die Tonträger und nicht mehr die Abspielgeräte im Vordergrund. Die Konkurrenz verlagerte sich somit von der Hardware zur Software, analysiert Peter Tschmuck in seiner gut lesbaren Habilitationsschrift Kreativität und Innovation in der Musikindustrie (Studien Verlag).

Die Software aber lieferte die Volksmusik. Bereits um 1890 zeichnet der Ethnologe Jesse Fewkes die Gesänge der Passamaquoddy-Indianer auf, in der Folge sammelten viele Anthropologen Volkslieder auf Wachszylinder. Auch der Komponist und Volksliedforscher Béla Bártok hielt seit 1906 mithilfe eines Edison-Phonographen das Volksliedgut seiner ungarischen Heimat fest.

Und auch im kommerziellen Bereich spielte das Volksliedgut eine entscheidende Rolle. 1901 tourten die Brüder Fred und Will Gaisberg durch London, Paris, Mailand, Zürich, Den Haag, Wien, Budapest, Brüssel, Lemberg, Breslau, Königsberg, St. Petersburg, Stockholm und Helsinki, um dort in Hotelzimmern von ansässigen Agenten ausgewählte Sänger und Musiker, die lokale Popularität genossen, aufzunehmen. Danach wandten sich die Gaisbergs exotischeren Gegenden zu, bereisten die größeren Städte Russlands und nahmen etwa in Wilnius die Gebetsgesänge jüdischer Kantoren, in Kasan Tatarengesänge oder in Tiflis georgische Chöre auf, des Weiteren bereisten sie Indien, Burma, Thailand, China und Japan, um auch diese Märkte zu erobern. Die Aufnahmen, die sie dabei machten - so schreibt Peter Tschmuck -, hatten aber keinen dokumentarischen Charakter mehr, sie entstanden aus rein kommerziellem Interesse. Jeder geografische Markt sollte mit jener Musik bearbeitet werden, die dort populär war.

Die Volksmusik bescherte der Tonträgerindustrie also ihre ersten großen Erfolge. Nur mit dem Image haperte es auch schon vor hundert Jahren. Um eine breite gesellschaftliche Anerkennung für den Tonträger zu erlangen, musste das Repertoire von "volkstümlichen Aufnahmen" in den Bereich der gehobenen Unterhaltungsmusik ausgedehnt werden. Am Ende dieser Entwicklung stand Caruso. Nach dem Krieg wurde der der Ragtime von den Tin-Pan-Alley-Komponisten für ein weißes Publikum adaptiert. Das Schicksal der Glättung für den weißen Mainstream widerfuhr später auch dem Blues und dem Jazz. Letzterer revolutionierte die Plattenindustrie in den frühen 20er-Jahren. In den 50er-Jahren stellte der Rock 'n' Roll neue Spielregeln auf, so wie momentan das MP3-Format. Aber das ist eine andere Geschichte, nachzulesen ebenfalls in Tschmucks profunder Studie. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 20./21.12.2003)