In der Schule hat sie schon gewusst, was sie sicher nicht will - "alles andere als Jus". Und schön für Susanne Kalss, sagen zu können, "mir macht mein Beruf seit 18 Jahren wirklich Spaß". Energisch streicht sie sich dabei die Haare aus der Stirn. Seit 1. Oktober diesen Jahres ist sie Universitätsprofessorin an der Wiener Wirtschaftsuniversität, ihre Forschungsschwerpunkte sind Gesellschaftsrecht und Kapitalmarktrecht.

Die Juristerei ist für Susanne Kalss ein kreatives Fach. "Dieses Vordenken, wie kann etwas für hundert oder tausend Fälle funktionieren", ist es, was sie fasziniert. Normen zu gestalten, "um das Zusammenleben von Menschen zu regeln". Jede Menge Erkenntnis beschert ihr die Rechtsgeschichte. Etwa was ihre Forschungen im Kapitalrecht angeht. Beachtenswert, wie schon in der Monarchie Entwürfe zu einem Aktiengesetz erarbeitet worden waren. Damals hießen ethisch-moralische Ansätze für den Kapitalmarkt zwar noch nicht "corporate governance", die Ideen waren aber dieselben. "Leider ist dieses Gesetz aus politischen Gründen nicht umgesetzt worden", bedauert die 37-jährige Forscherin.

Derlei historische Ansätze verfolgt und einen europaweiten Vergleich erarbeitet sie derzeit in einem Start-Projekt zu "Organisation und Vermögensordnung im Recht der Kapitalgesellschaften", das ihr vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) genehmigt worden ist.

Ihre beruflichen Stationen führten sie quer durch Europa - London, Heidelberg, Hamburg. 2000 hat sie ihre erste Professur an der Universität Klagenfurt angenommen. "Dort bin ich wirklich gern gewesen", sagt sie rückblickend. Kleine Uni, wenige Studenten, sie konnte sich auf die Forschung konzentrieren und viel publizieren. Jetzt an der WU Wien muss sie sich zudem um etliche Mitarbeiter kümmern. Dabei gibt sie sich verantwortungsbewusst: "Das sind relativ junge Leute, alle schon Magister, aber sie brauchen noch Anleitung." Man müsse motivieren, korrigieren und anstoßen. Kalss ist für die jüngeren Forscher und Forscherinnen aber voll des Lobes. Auf deren "hohe Grundmotivation" könne sie zählen. Sie stünde ihnen immer zur Verfügung, bei Besprechungen, per E-Mail, am Handy.

Grenzen der Erreichbarkeit setzt da nur eine: Tochter Agnes. Die hat seit einem Dreivierteljahr absolute Priorität, das Zeitmanagement Kalss' hat sich mit Agnes' Geburt auf den Kopf gestellt. Das habe sie, die stets arbeitende Forscherin, erst lernen müssen. Die Kleine sei aber sehr pflegeleicht, schwärmt Kalss. Wenn sie und ihr Mann, ein Anwalt, eine Ausstellung besuchen, kommt Agnes schon mit. Ist ihnen nach Joggen, bleibt sie bei den Wiener Großeltern väterlicherseits. Die sozusagen zweite Familienhälfte ist in St. Martin am Grimming daheim. Dort ins obersteirische Ennstal zieht es Susanne Kalss mit ihrer Familie immer wieder zurück. Fein, wenn auch die drei Brüder daheim und alle wieder bei den Eltern beieinander sind. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 12. 2003)