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Mahnende Illustration aus dem Medienkatechismus westlicher Werte: des Tyrannen letztes Loch.

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Der erste durchschlagende Uraufführungserfolg, den Giuseppe Verdi 28-jährig mit seinem Nabucco an der Mailänder Scala 1841 erzielte, hatte nicht allein musikalische bzw. musiktheatralische Gründe.

Vielmehr sahen Italiens gegen die Herrschaft Österreichs opponierende Patrioten in der Unterdrückung des jüdischen Volkes durch den assyrischen König Nebukadnezar, die dieses Werk zum Inhalt hat, eine szenische Spiegelung ihrer eigenen Situation. Und der heute noch populäre Gefangenenchor wurde zum Kampflied des Risorgimento.

Bei Betrachtung zeitgenössischer Bilddokumente fällt auf, dass dieses Werk seine immense politische Brisanz ganz ohne Anspielungen auf die italienische Gegenwart von damals entfalten konnte. Man könnte in der Interpretation dieses Phänomens sogar weiter gehen und sagen, dass der wahre historische Kern, auf dem die Handlung des Nabucco gründet, genauso Fiktion hätte sein können. Ein Umstand, der die explosive Wirkung dieser Oper wohl in keiner Weise geschmälert hätte.

Zeitbewusste Regisseure von heute setzen in die Symbolkraft dramatischer Handlungen schon weit weniger Vertrauen. Als oberstes Gebot steht in ihrem ästhetischen Brevier der Einbezug gegenwärtiger oder erst frisch vergangener politischer oder weltanschaulicher Realität in das szenische Geschehen. Mit dieser Praktik, die dem Opern- und Schauspielfreund schon unzählige Begegnungen mit sich auf der Bühne tummelnden SSlern und Vopo-Schergen nebst O-Ton-Einblendungen und Videoeinspielungen aller Art bescherte, soll die zeitlose Gültigkeit vergangener Werke beweisen und selbigen auf die Sprünge in die Gegenwart geholfen werden.

Abstrakter formuliert, soll das Artefakt, das ein Schauspiel oder eine Oper nun einmal ist, durch reichliche Bestückung mit Bruchstücken des assoziativen Alltags eine Legitimierung erfahren, derer es zwar nicht bedarf, die aber der nach platter Sinnfälligkeit gierende, so genannte erweiterte Kulturbegriff nicht nur rechtfertigt, sondern auch postuliert.

Schon seit längerem aber scheint es, als würde die Wirklichkeit für ihren missbräuchlichen Einsatz zur Verifizierung des Künstlichen Rache nehmen, indem sie sich in zunehmendem Maße als Fiktion der Künstlichkeit präsentiert, als Artefakt. Als dessen Urheber gelten nicht mehr Autoren, Komponisten oder Regisseure, sondern ein ebenfalls schon zum Artefakt gewordener und wohltätig entpersonalisierter Begriff: die Medien. Und so wie im Fall von Verdis Nabucco ist es eigentlich unerheblich, ob das, was sie transportieren, wahr oder, wie sich im Nachhinein des Öfteren schon herausstellte, unwahr ist. Was zählt, ist die Wirkung. In dem Zusammenhang scheint auch die nun unter erfahrenen Bartträgern, Friseuren, Kerato-und Dermatologen ausgetragene Diskussion, ob Sadam Hussein im Verlauf eines halben Jahres tatsächlich ein in so fülligen Locken wuchernder Gesichtsschmuck sprießen konnte oder nicht, völlig müßig.

Die Story vom mörderischen Tyrannen, der nicht nach einem Schusswechsel gefangen oder gar in einem solchen getötet, sondern im erbärmlichst vorstellbaren Zustand aus einem Erdloch gebuddelt wird, in das er sich ängstlich verkrochen hat, ist nicht zuletzt durch ihre mediale Aufbereitung von der plakativen Eindringlichkeit eines belehrenden Jesuitendramas aus der Barockzeit.

So wird die Wirklichkeit zum Autor. Und sie bliebe es auch, meldete sich jetzt irgendwo ein unversehrter Sadam zu Wort. Er müsste zur Kenntnis nehmen, dass er gefangen ist. Wenn schon nicht durch US-Soldaten, so doch durch die Medien. Diese haben mit dieser Geschichte zwar eine wunderschöne, wahre, aber nicht ihre schlimmste Geschichte erzählt. Bei den lauthals ertönenden Schuldzuweisungen an die Medien sollte man jedoch das eine nicht vergessen: Der Bildschirm, das Keybord, die Rotationsmaschine sind genau so unschuldig wie Shakespeares Federkiel oder Verdis Notenfeder. Schuld trifft damals wie heute jene, die sie verwenden. Und das sind sehr oft dieselben, die sich, wenn es gerade opportun scheint, über deren Missbrauch beklagen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.12.2003)