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Revolutionsführer Muammar Gaddafi hat den zum "sofortigen und bedingungslosen" Zugang für internationale Inspekteure zugesagt.

Foto: Reuters/Desmond Boylan

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Konziliant: Gaddafi, hier Anfang Dezember bei einem internationalen Gipfel zu Flüchtlingsfragen in Tunis

Foto: APA/epa/ Eric Gaillard
Nur eine Woche nach der Festnahme des irakischen Diktators Saddam Hussein kann sich George W. Bush damit schmücken, einen weiteren "Schurken" in die Knie gezwungen zu haben. "Der libysche Führer Muammar al-Gaddafi hat bestätigt, dass er seine Programme für Massenvernichtungswaffen einstellen wird", gab der US-Präsident am Wochenende in Washington bekannt. Libyen werde alle bereits bestehenden Waffen sowie die Forschungsanlagen vernichten.

Als "eine weise Entscheidung" lobte Gaddafi selbst sein Vorgehen und schickte noch am Samstag seine Vertreter nach Wien zur Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO). Sie sollen die konkreten Schritte zum Abbau der Waffenprogramme einleiten. IAEO-Direktor Mohamed ElBaradei traf mit dem libyschen Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung zusammen.

Was für die Weltöffentlichkeit überraschend kam, wurde seit Monaten hinter den Kulissen vorbereitet. Angesichts des Irakkriegs beschloss Gaddafi, den USA von der Liste der möglichen Angriffsziele zu springen. Er suchte den Kontakt zum Westen. Die Einigung über die Massenvernichtungswaffen handelte der libysche Staatschef in vertraulichen Treffen mit einer Delegation des US-Geheimdienstes CIA höchstpersönlich aus.

In den vergangenen zwei Monaten besuchten dann amerikanische und britische Waffenexperten mindestens zehn Lager-, Forschungs- und Fabrikationsstätten. Gaddafi hielt die Verhandlungen wohl selbst vor einem Großteil seiner engsten Mitarbeiter geheim. "Die Treffen fanden meist spätabends statt", zitiert die New York Times einen CIA-Mitarbeiter.

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Laut amerikanischen Presseberichten schalteten sich in den letzten Wochen dann die US-Administration und die britische Regierung direkt ein. Sowohl der britische Premier Tony Blair als auch Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice telefonierten mehrmals mit ranghohen Vertretern Libyens.

Wie nah Gaddafi tatsächlich an den Massenvernichtungswaffen war, darüber gibt es widersprüchliche Informationen. Noch in einem CIA-Bericht vom November hieß es, dass Libyen auch nach 20 Jahren Forschung auf dem Gebiet der ABC-Waffen kaum vorwärts gekommen sei. Jetzt erzählen die Experten, die das Land in den letzten zwei Monaten bereisten, ganz andere Dinge. Sie zeigen sich erstaunt darüber, wie weit Gaddafis Wissenschafter bei der Urananreicherung mittels eines veralteten Sowjetreaktors gekommen sind. Gaddafi sei wesentlich näher an der Bombe gewesen als bisher vermutet.

Am erfolgreichsten war Libyen wohl bei der Herstellung chemischer Kampfstoffe. Das nordafrikanische Land produzierte Senfgas und Nervengifte. Ob die Produktion nach der Schließung der Fabrik in Rabta 1990 irgendwo anders weiter ging, ist nicht klar. Bei biologischen Waffen ist Gaddafi wohl nie über das Forschungsstadium hinausgekommen. Wenig erfolgreich war auch der Versuch, eine eigene Langstreckenrakete zu entwickeln.

Neben dem Waffenverzicht erhoffen sich die USA auch Informationen über die Strukturen des Terrornetzwerkes Al-Kaida. Ein schnelles Ende der US-Sanktionen ist dennoch nicht in Sicht. "Wir machen einen Schritt nach dem anderen", heißt es dazu aus Washington.

Andere Länder sind weniger zurückhaltend. Nach einem Schuldeingeständnis und der Zusage von Entschädigungszahlungen an die Familien im Falle Lockerbie wurden die UN-Sanktionen aufgehoben. Russland tat das Gleiche. Und auch Frankreich verhandelt derzeit mit Tripolis über ein Ende der Sanktionen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2003)