New Haven - Steffi Graf hat mit ihrem 104. Turniersieg nicht nur eine fast unendlich lange Durstrecke überwunden sondern auch ihre Anwartschaft auf den sechsten Sieg bei den US Open angemeldet. "Wenn mir dieser Triumph kein Selbstvertrauen gibt, weiß ich es auch nicht", sagte die 29jährige Deutsche am 28. august nach dem 6:4,6:1 Finalsieg in New Haven (450.000 Dollar) über Wimbledon- Siegerin Jana Novotna. "Dies ist eine extreme Genugtuung", bekannte sie. Zwei Tage vor dem am Montag in New York beginnenden letzten Grand-Slam-Turnier der Saison meldete sich Graf eindrucksvoll in der Weltspitze zurück. "Es gab bislang schon einige Momente, die mein Comeback lohnenswert gemacht haben. Dieser Erfolg steht bestimmt mit ganz oben auf der Liste", erinnerte sich Graf an ihren Leidensweg, der auch durch Österreich geführt hatte. Nach den privaten Turbulenzen um ihren Vater und immer lästiger werdenden körperlichen Problemen sowie Monaten mit Therapie ohne Tennis hatte sich die Deutsche im Juni 1997 zu einer Knieoperation bei Dr. Reinhard Weinstabl in Wien entschlossen. Dabei wurde u.a. die Patellarsehne im linken Knie versetzt. Um diese Operation entbrannte danach sogar ein "Ärztestreit". Graf absolvierte einen monatelangen Aufbauprozeß bei Willi Dungl in Gars und versuchte mehrmals erfolglos, ins Turniergeschehen zurückzukehren. Negativer Höhepunkt war, als sie heuer im Juni aus der Weltrangliste fiel, weil sie innerhalb von zwölf Monaten zuwenig Turniere gespielt hatte. Dieses tolle Gefühl ... Vierzehneinhalb Monate nach der Operation belehrte sie nun die Kritiker und beseitigte die letzten Zweifel: "Für dieses tolle Gefühl habe ich zuletzt so hart gearbeitet." Steffi Graf, die in New York in der ersten Runde auf Corina Morariu (USA) trifft, darf nun sogar darauf hoffen, ihre einzigartige Karriere mit dem 22. Grand Slam- Titel zu krönen. Ihre Referenz: In New Haven besiegte sie nicht nur Angstgegnerin Amanda Coetzer sondern mit Lindsay Davenport und Novotna auch die Nummern zwei und drei der Welt. Graf ist am Montag die Nummer 27, Novotna löst Davenport als Nummer zwei ab. "Sie ist wieder da, wo sie vor ihrer Verletzung war. Sie ist wieder auf der Höhe ihres Spiels und muß nur noch ein paar Nuancen verbessern", sagte Novotna. In den vergangenen Wochen hatte Graf immer wieder mit ihrer Leistung gehadert. In Stanford, San Diego und Montreal brach sie nach einem guten Turnier-Start jeweils ein. "Ein Match spiele ich super, im anderen bin ich völlig daneben", rätselte Graf und schaffte dank Trainer Heinz Günthardt die Wende. Die ehemalige Weltranglisten-Erste hatte eigentlich einen Kurzurlaub nach Florida eingeplant. Ihr Schweizer Coach aber überzeugte sie davon, daß sie mehr Matchpraxis brauche. Bei der Siegerehrung dankte sie Günthardt denn auch überschwenglich. Graf: "Es ist noch ein bißchen Raum da, um meine alte Top-Form zu erreichen." Vielleicht kann sie das schon bei den US Open umsetzen. In New York ist Graf seit 14 Spielen ungeschlagen. Letztmals verlor sie 1994 im Finale gegen Arantxa Sanchez-Vicario. Sie gewann das härteste Grand Slam-Turnier der Saison 1995 und 1996, ehe sie die Knieverletzung aus der Bahn warf. (APA/Reuters/dpa)