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Alexander Kluge

Foto: APA/dpa/May
Wien - Aus dem siamesischen Zwillingspaar Adorno/Horkheimer entsprang, eine zweite Jungfernzeugung, 1931 Alexander Kluge. Er beriet die "Frankfurter Schule" in den 60e-rJahren als Jurist; als Dichter wollte ihn sein Ziehvater Adorno nicht anerkennen: Nach Proust, so sagte er Kluge, könne nichts mehr kommen. Seither erzählt Kluge in seinen Geschichten von dem, woran Adorno und Horkheimer in ihrer pessimistischen Dialektik der Aufklärung (entstanden ab 1940/41, veröffentlicht 1948) nicht mehr glaubten: Geschichten von Hoffnung, Auswege im vermeintlich Ausweglosen.

Für Alexander Kluge mündet der Prozess der Aufklärung nicht unausweichlich (wie für Adorno/Horkheimer) in die technizistische Unterwerfung und Zerstörung der äußeren wie der inneren Natur. Kluge glaubt an Kreuzungspunkte, wo andere Entscheidungen noch möglich sind, an eine "Lücke, die der Teufel lässt". So nannte er auch sein neues Buch. Und darüber sprach er in der Sonntagsmatineereihe des Volkstheaters - "Globalisierung und Gewalt" - mit STANDARD-Kulturressortleiter Claus Philipp. Im Dialog, nie monomanisch. Das enorme Publikumsinteresse bewies wieder einmal, wie wichtig gerade in diesem Theater eine geballte Ladung an Nachdenklichkeit ist.

Für Vereinfachungen ist Kluge dabei nicht zu haben, deshalb auch nicht für simplen Antiamerikanismus: Ein Tyrann wie Saddam sei ein Tyrann; andererseits aber falle man mit derartig asymmetrischen Kriegen in eine Zeit zurück, die der Westfälische Friede 1648 für immer verhindern wollte. Und um die kulturelle Problematik zu verdeutlichen, liest Kluge eine der 500 Geschichten seines Buches vor, diejenige des Galileo Galilei:

"Eigentlich ein westlicher Fundamentalist." Denn: Zwar führte Galilei unbestechlich seinen hellen Geist der Empirie ins Treffen, dies aber auch gegen (religiöse) Gefühlswelten, die mit Empirie nicht erfasst werden können. Mit Fakten - eine Hostie ist ein Stück Teig, kein anwesender Gott - zerstörte er die Lehre der Transsubstantion. Die Kirche verurteilte ihn vordergründig bekanntlich einer anderen Ansicht wegen (der Kugelgestalt der Erde und ihrer Stellung im Kosmos) zum Tode.

Alexander Kluge unterscheidet in dieser seiner Parabel also zwischen nötiger und vorantreibender Aufklärung (wie Galileis Kosmologie) und einer, die imperialistisch Gefühle zerstört. Das ist ein differenzierter, ein anderer "Kommentar" zur Globalisierung: Die zwei Seiten der Aufklärung - Mut zum Denken einerseits, Allmachtswahn andererseits - seien siamesisch zusammengewachsen. Und dahinein gelte es Lücken zu schlagen.

Doppelte Seele

"Die scheinbar so objektiven äußeren Verhältnisse haben eine subjektive Seite. Ich glaube an ein zweifaches Unbewusstes: Das, was Menschen in sich tragen; und das, was sich zwischen Menschen, ereignet." Von diesem "Zwischen" in der Außenwelt gehen Konflikte und Kriege aus. Sie sind deshalb auch nicht technizistisch zu beenden. Sondern nur durch eine poetische Erforschung dieser Nahtstellen. Und hier setzen die vielen Geschichten an, die Kluge und Philipp an diesem Vormittag als Exempla möglicher Auswege vortrugen, "zur Schärfung der Unterscheidungskraft".

Genau dies betreibt Alexander Kluge aber auch im Medium des Fernsehens. Seine ungewöhnlichen Interviews waren am Abend vor dieser Matinee im "Echoraum" zu sehen: Riesig der Kopf und die Sätze des Einar Schleef! Aber auch: Wir alle, die wir Opern wie Norma oft bloß noch als "bildungsbürgerlich" empfinden, wurden von Kluge belehrt: Es sei "die humanste Oper". Denn die vom Besatzungsmachthaber eroberte und dann betrogene Norma rächt sich nicht. Sie hebt den Kreislauf von Schuld und Vergeltung auf: So verlaufen Kluges Kommentare, so schlägt er Schneisen in die automatisierten Abläufe der Politik. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2003)