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Calisto Tanzi: Im "Urlaub" oder auf der Flucht?

APA/Dal Zennaro
Mailand - Der vom Konkurs bedrohte italienische Lebensmittelkonzern Parmalat hat am Mittwoch Antrag auf Gläubigerschutz nach den neuen Regeln der Regierung gestellt, nachdem bei einer Tochter vorige Woche in der Bilanz ein Loch von etwa vier Milliarden Euro aufgedeckt worden war. Nach einer Meldung der italienischen Nachrichtenagentur ANSA sollen sich der Firmengründer und Ex-Konzernchef Calisto Tanzi und dessen Sohn nach Spanien abgesetzt haben. Die Mailänder Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen ehemalige Manager des Konzerns auf. Die Bank of America erstattete Strafanzeige gegen das Unternehmen.

Gläubigerschutz nach neuen Regeln

Ein Parmalat-Sprecher sagte am Mittwoch, der Antrag auf Gläubigerschutz sei für die operative Einheit Parmalat Spa gestellt worden. Das Verfahren werde aber nach den neuen Regeln automatisch für die gesamte Gruppe verwendet. Die neue Rechtsverordnung zur Restrukturierung vor der Insolvenz stehender Großunternehmen sieht nach den Worten von Industrieminister Antonio Marzano ein völlig neues Vorgehen vor. Demnach entscheidet sein Ressort auf Anfrage betroffener Firmen umgehend über die Einsetzung eines Verwalters.

Sollte der Minister eine so genannte außerordentliche Verwaltung genehmigen, werde er zugleich sofort auch den Verwalter berufen. Dieser werde unmittelbar nach seiner Ernennung die Geschäfte der Gesellschaft übernehmen. Als Sonderverwalter von Parmalat wird nach Angabe aus Regierungskreisen der neue Konzernchef und ausgewiesene Sanierungsexperte Enrico Bondi ernannt. Er soll den Zusammenbruch des achtgrößten italienischen Industriekonzerns mit weltweit rund 35.000 Beschäftigten verhindern.

Bilanzfälschung um vier Milliarden Euro

Parmalat hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass durch die Bank of America bei einer Parmalat-Tochter auf den Kaiman-Inseln (Bonlat Financing Corp) offenbar eine Bilanzfälschung in Höhe von fast vier Milliarden Euro aufgedeckt worden sei. Damit hatte das Unternehmen die Finanzmärkte schockiert und Erinnerungen an den Fall des bankrotten US-Energieriesen Enron geweckt. Nach Angaben aus Justizkreisen beläuft sich das Loch in der Buchführung mittlerweile auf sieben Milliarden Euro, Presseberichten zufolge sogar auf bis zu zehn Milliarden Euro.

Die Bank of America hat nach der Aufdeckung des Bilanzskandal bei Parmalat Strafanzeige gegen den Lebensmittelkonzern eingereicht. ie Mailänder Staatsanwaltschaft sieht eindeutige Belege für eine gefälschte Buchführung und ermittelt in diesem Zusammenhang Justizkreisen zufolge gegen Firmengründer und Ex-Konzernchef Calisto Tanzi sowie gegen zwei frühere Finanzvorstände.

Hausdurchsuchung bei Tanzi

Die Staatsanwaltschaft ordnete am Mittwoch die Durchsuchung der Wohnung des Firmengründers Tanzi in Parma an. Das staatliche italienische Fernsehen berichtete, Tanzi halte sich derzeit im Ausland auf. Nach Angaben des Rechtsanwalts Tanzis befinden sich der Unternehmer und sein Sohn in Spanien. Der Rechtsanwalt, dessen Name nicht bekannt gegeben wurde, habe dies der Mailänder Staatsanwaltschaft mitgeteilt. "Tanzi muss sich erholen und darüber nachdenken, was geschehen soll", wurde der Anwalt von ANSA zitiert. Der Staatsanwalt von Parma, Giovanni Panebianco, der mit seinen Mailänder Kollegen gegen Tanzi wegen mutmaßlicher Bilanzfälschung und Betrugs ermittelt, will Tanzi in den nächsten Tagen vernehmen.

Bauern wollen Milch "verweigern"

Italienische Milchbauern gründeten unterdessen ein Komitee und drohten, ihre Lieferungen einzustellen. Sie haben nach eigenen Angaben teilweise seit Monaten keine Geld mehr erhalten. Experten sprechen von einem der größten Finanzskandale in der europäischen Unternehmensgeschichte. Bisherigen Erkenntnissen der Justiz zufolge hatte Parmalat wichtige Finanzdokumente gefälscht, um Bilanzwerte in Milliardenhöhe vorzutäuschen. Ein ehemaliger Top- Manager räumte laut Zeitungsberichten vom Mittwoch ein, dass es bereits seit 1988 Finanzmanipulationen gegeben habe. Diese seien von der obersten Unternehmensspitze angeordnet worden.

Der neue Parmalat-Vorstandschef Enrico Bondi soll als Sanierer Vorschläge zur Rettung vorlegen. Zugleich rief die italienische Regierung die EU auf, Notmaßnahmen für die Milchwirtschaft des Landes zu bewilligen. Insgesamt beschäftigt Parmalat rund 36 000 Menschen in 30 Ländern. Die EU-Kommission in Brüssel hat die italienische Regierung "um Klärung der Situation" gebeten, sagte ein Sprecher. Die Kommission interessiert sich besonders für mögliche Hilfsmaßnahmen zu Gunsten der Milchwirtschaft. (APA/Reuters/dpa)