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Calisto Tanzi, Gründer von Parmalat, des achtgrößten Privatkonzerns Italiens, wurde von der Finanzpolizei am Sonntag erstmals in einem Gefängnis in Mailand verhört

Foto: EPA/Guatelli
Mailand - Calisto Tanzi wurde am Freitag gerade noch in Genf gesehen; schon einen Tag später klickten die Handschellen in Mailand, als der Parmalat-Gründer das Büro seines Rechtsanwaltes verließ. "Warum werde ich überhaupt festgenommen? Ich hätte ohnehin am Dienstag die Ermittler aufgesucht", soll Tanzi verwundert die Polizisten gefragt haben.

Am Sonntag wurde der 65-Jährige erstmals von den Staatsanwaltschaften Mailand und Parma verhört. Tanzi drohen 15 Jahre Haft. Vorgeworfen werden dem Milchindustriellen Bilanzfälschungen, Steuerbetrug und betrügerische Krida. Die römische Zeitung La Repubblica berichtet unter Berufung auf Behördenangaben, dass die Familie Tanzi - ihr gehören über eine Holding noch 51 Prozent von Parmalat - über die Jahre die Konten des Konzerns um 1,7 Milliarden Euro geplündert haben soll.

Verlängerung der Untersuchungshaft

Da die Ermittler befürchten, Tanzi könnte wichtige Dokumente vernichten, wollen sie eine Verlängerung der Untersuchungshaft erwirken. Ermittlungen wurden auch gegen Tanzis Sohn Stefano eingeleitet.

Tanzi senior gilt als Hauptverantwortlicher des riesigen Finanzskandals, der in nur wenigen Wochen zum Zusammenbruch des siebtgrößten Privatunternehmens Italiens geführt hat. Parmalat - in Österreich auch bekannt als früherer Sponsor des dreimaligen Formel-1-Weltmeisters Niki Lauda - erwarb 2002 eine Sperrminorität am niederösterreichischen Molkereikonzern NÖM.

Belastungszeugen

Zu den Belastungszeugen gegen Tanzi gehört mittlerweile dessen ehemaliger Finanzchef Fausto Tonna. Er hat sich zur Zusammenarbeit mit den Staatsanwälten entschlossen. Mit Tonnas Hilfe versuchen die Ermittler nun, das System von Schachtelgesellschaften und Scheinfirmen zu ergründen, das Tanzi weltweit aufgebaut hatte, um den italienischen Fiskus zu umgehen und Schwarzgelder in Steuerparadiesen anzusammeln.

Am Samstag, nur wenige Stunden vor der Verhaftung Tanzis, hatte ein Insolvenzgericht Parmalat für insolvent erklärt. Der Betrieb kann nach italienischem Recht zunächst weitergeführt werden. Damit sollte dem Unternehmen bei der Fortführung der Geschäfte bei gleichzeitiger Ausgliederung der Schulden geholfen werden. Gläubiger haben nun 120 Tage Zeit, um ihre Zahlungsforderungen vorzulegen.

Finanzielle Lage überprüfen

Der mit der Sanierung beauftragte neue Geschäftsführer Enrico Bondi arbeitet inzwischen daran, die finanzielle Lage zu überprüfen und die nötigen Summen für die Gehälter der 36.000 Angestellten aufzutreiben. Bondi erwägt die Veräußerung von nicht strategischen Töchtern. Er muss auch die Milchlieferanten bezahlen, die teilweise seit Monaten auf ihr Geld warten.

Bondi muss bis Ende Jänner einen Sanierungsplan dem Arbeitsministerium vorlegen. Dieses muss entscheiden, ob endgültig der Konkurs erklärt werden muss oder nicht.

Der französische Milchriese Danone dementierte indessen Berichte, wonach man an der Übernahme der Käse- und Joghurtproduktion von Parmalat interessiert wäre. (Reuters, ANSA, dpa, Der Standard, Printausgabe, 29.12.2003)