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Foto: apa/dpa/villagran
"Ach, ich merk es! Wehe! wehe! Hab ich doch das Wort vergessen! Ach, das Wort, worauf am Ende Er das wird, was er gewesen!"

Vergessen, wer das bange ausrief, von der Idee besessen, einen "Zauberbesen" zum Wasser holenden Arbeitstier umzufunktionieren? Richtig, es war natürlich Goethes "Zauberlehrling". Da dieser den Besen nicht mehr hatte stoppen können, besorgte jener ihm eine feine Überschwemmung.
Mit dem "Zauberbesen" haben wir Ihnen ein Zündwort auf die Zunge gelegt, mit dem Sie Ihr semantisches Gedächtnis ankurbeln konnten.

Irgendwo zwischen Zunge und Rachen

Handeln wir erst einmal die Zunge ab. Daniel Althaller fragt nach dem Ort des Wortes, das sich mitunter versteckt hält, wenn wir sagen "liegt mir auf der Zunge".
Was, korrekt gesprochen, dort liegt, sind die sogenannten Geschmackspapillen. Sie sind für die vier Geschmacksqualitäten süß, salzig, sauer und bitter zuständig. Sonst findet sich da aber nichts, und deshalb lassen wir die Althallersche Polemik ("wo auf der Zunge: an der Spitze, unter der Zunge, eher mittig oder eingequetscht zwischen Zunge und Gaumen?") auch gleich wieder beiseite.

Stattdessen quetschen wir uns zwischen die Fronten der Psycholinguistik.

Inmitten fünfzigtausend Wörterbucheinträgen

Sagen wir "es liegt mir auf der Zunge", dann meinen wir Gedächtnisinhalte, die uns just in dem Moment verlustig gegangen sind, in dem der Mund sie freilassen sollte und der Langzeitspeicher (das semantische, bedeutungsgebende Gedächtnis) eigentlich auch weiß, was auszudrücken ist. Was nun geschieht, wenn einem der Ausdruck nicht einfällt, kann man vielleicht konstruieren, wenn man sich einen ähnlichen, wissenschaftlich beschriebenen Fall, den Versprecher, veranschaulicht. Beim Versprechen hat man den gewollten Ausdruck zwar nicht vergessen, aber ein klanglich ähnliches Wort ist den Lippen entschlüpft.

Sehen wir uns das mentale Lexikon an: Zwischen 30.000 und 50.000 Einträgen enthält es beim Menschen; Hauptwörter (z.B. 'Röte') und die ihnen zugehörigen Eigenschaftswörter (z.B. 'rot') nur einfach gezählt. Im Gedächtnis sind die Inhalte des Lexikons mit Buchstaben und diese wiederum mit Lauten verknüpft. Bei der Ausführung von Sprechakten muss irgend etwas die richtigen lexikalischen Entscheidungen treffen, d.h. die korrekten Wörter auswählen. Sie müssen zur beabsichtigten inhaltlichen Aussage passen.

Hypothetische Wissenschaft

Genau wissen die Psycholinguisten nicht, was dabei passiert. Es haben sich zwei Schulen entwickelt und ihre Hypothesen über die Entstehung der Artikulation von Bedeutungen präsentiert. Mit deren Gedankengut und Hilfsbegrifflichkeit ausgestattet, sollte sich über verlustig gegangene Begriffe philosophieren und chatten lassen.

Aktivierungsmodell

Nach dem sogenannten Aktivierungsmodell gibt es ein Netz, das aus miteinander verküpften Knoten besteht, die bei einem Input durch eine kontinuierliche Ausbreitung von Aktivität stimuliert werden. Gewisse "Ursprungsknoten" aktivieren "Zielknoten" und hemmen andere Knoten. Das alles passiert auf unterschiedlichen Ebenen der Begriffsentstehung: lexikalischer Ebene, semantischer, phonologischer (Laut gebender), syntaktischer (die grammatikalische Struktur gebende Ebene).

So ist z.B. eine Funktion der syntaktischen Ebene die Bestimmung der Reihenfolge der Wörter auf der lexikalischen Ebene. (Auf der lexikalischen Ebene selbst - auch auf der phonologischen - sind die Buchstabeneinheiten noch nicht in eine Grammatik gegossen.) Und ein Knoten der lexikalischen Ebene aktiviert seine Phonemsequenz auf der phonologischen Ebene. Von dort aus wird die Aktivierung auf die anderen beteiligten Ebenen übertragen, bis es schließlich zur Äußerung kommt.

Verhaspelt

Ein Versprecher könnte dann passieren, wenn ein Stimulus eine Gruppe ähnlich klingender akustisch-phonetischer Muster im Gedächtnis aktiviert. Sagt jemand "Rose", Sie hören aber nicht genau zu, dann verstehen Sie vielleicht "Hose". Wenn aber jemand laut und mit den Armen fuchtelnd "Feuer!" schreit, werden Sie kaum "Heuriger" verstehen. Die Stärke des Stimulus scheint für das Verständnis maßgeblich zu sein.

Stufenmodell

Nach dem sogenannten Stufenmodell erhalten verschiedene Komponenten, die an der Wortbildung beteiligt sind, einen bestimmten Input und produzieren einen jeweiligen Output. Ein Beispiel für solch eine postulierte Komponente ist ein "Conceptualizer". Dessen Aufgabe ist es, eine konzeptuelle Struktur dessen, was ausgesagt werden soll, zu erstellen. Die auszudrückende Information wird hier gesammelt, geordnet und in Beziehung zu dem gesetzt, was vorher gesagt worden ist. Der Psycholinguist Levelt hat den Output des angeblichen "Conceptualizers" als "vorsprachliche Botschaft" bezeichnet. Um unser Wort zu finden, wäre der nächste Arbeitsschritt des Gedächtnisses also die Suche nach der passenden Syntax - die nämlich fehlt, wenn etwas nur auf der Zunge liegt.

Vergessen

Jetzt sind Sie dran! Wie kann ein Wort vergessen werden? Wir freuen uns auf Ihre Hypothesen. (red)