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apa/BARBARA GINDL

Schon viele Städte haben die Chance genutzt. Und beklagten nach einer kostenintensiven Ganzjahresparty, die das Selbstbewusstsein hob, einen heftigen Kater.

Wird ein Bürschchen zum Mann von Welt, wenn es sich lässig eine Zigarette der Marke "Men" ansteckt? Und wird eine Provinzstadt plötzlich zur Metropole, weil sie sich ein Jahr lang mit dem Label "Kulturhauptstadt Europas" schmücken darf? Eben. Aber Auswirkungen hat der Titel zumeist schon, keine Frage.

Am Anfang waren die Kulturhauptstädte der EU noch wirklich welche. Die erste des Abendlandes lag, nicht weiter verwunderlich, in Griechenland: Die ehemalige Schauspielerin Melina Mercouri, von 1981 bis 1990 Kultusministerin, rief Athen zur Kulturhauptstadt 1985 aus. Und in der Folge versah die EG, wie sich die Europäische Union damals noch nannte, Florenz, Amsterdam, Berlin und Paris mit dem Epitheton ornans, dem schmückenden Beiwort "Kulturhauptstadt".

Damals gab es aber weder eigenständige Programme noch durchdachte Marketingstrategien: Paris und Berlin sind ohnedies die kulturellen Metropolen in Europa. Die Unsinnigkeit des Kulturhauptstadt-Pleonasmus wurde bald auch den Politikern in Brüssel klar. Und so zeichneten sie in den 90er-Jahren nicht etwa London oder Rom aus, sondern Glasgow, Dublin, Madrid, Lissabon, Luxemburg, Kopenhagen, Thessaloniki und Stockholm.

In der Regel waren es aber Hauptstädte, denen der Titel verliehen wurde. Und Antwerpen (1993) gelang es als erster Stadt, international von sich reden zu machen: indem es ein Jahr lang zu "Artwerpen" mutierte. Die Auswirkungen auf den Tourismus waren messbar: nicht nur im Kulturhauptstadtjahr selbst (das Informationszentrum wurde zweieinhalbmal so oft kontaktiert wie 1992), sondern auch danach.

Man kam daher in der EU überein, künftig auch jenen Städten eine Chance zu geben, die bloß regionale Bedeutung haben (wie Weimar 1999) oder nur peripher mit Kunst und Kultur in Verbindung gebracht werden: Rotterdam und Porto (2001), Brügge und Salamanca (2002), Graz (2003), Genua und Lille (heuer), Cork (2005) und Patras (2006). Viele nutzten sie: Rotterdam zeigte, dass es mehr zu bieten hat als einen gigantischen Hafen und ein hässliches Zentrum, Brügge versuchte die pittoreske Idylle zu brechen, indem es ein imposantes Concertgebouw mit zwei Sälen errichtete.

Das Jahr 2000 erwies sich als ziemlicher Flop, gab es doch insgesamt neun Kulturhauptstädte: Aufgrund der inflationären Titelvergabe gelang es weder Bologna oder Avignon noch Bergen oder Helsinki et cetera, sich in Szene zu setzen. Aber eines zeichnete sich in der letzten Dekade ab: dass die EU-Auszeichnung nicht nur kommerziell genutzt werden kann, sondern sehr wohl auch ein Motor für Stadtentwicklung und -revitalisierung ist.

Porto beispielsweise verwendete 60 Prozent des Kulturhauptstadtbudgets für die Verschönerung der heruntergekommenen Altstadt. Und auch Graz war der Titel beziehungsweise die Angst, sich international zu blamieren, Antriebsfeder für große Investitionen: Man errichtete eine Stadthalle, ein Kunsthaus und die List-Halle, man gestaltete den Hauptplatz neu und legte eine Uferpromenade an.

Der epochale Erfolg des Kulturhauptstadtjahres Graz 2003 ist unbestritten. Man registrierte laut jüngsten Hochrechnungen 2,85 Millionen zählbare Besucher bei rund 6000 Einzelveranstaltungen, 9300 Berichte (davon 3400 in internationalen Medien), 1734 Journalisten, 100 TV-Sender und 120 Delegationen. Die Auswirkungen auf den Tourismus übertrafen zudem selbst die kühnsten Erwartungen: Von Jänner bis November 2003 verzeichnete die Hotellerie 155.500 Übernachtungen mehr als im Rekordjahr davor, was ein Plus von 24,4 Prozent bedeutet. Und die Zahl der Tagesbesucher dürfte sich sogar verdoppelt haben: An den Wochenenden (selbst im Spätherbst) sorgten die Busse für gröbere Verkehrsbehinderungen, erreichte das Gedränge in der Innenstadt Getreidegasse-ähnliche Dimensionen. Denn Wolfgang Lorenz, der Intendant, hatte die Vermarktung in den Mittelpunkt seiner Konzeption gestellt.

Der Erfolg aber wurde teuer erkauft, die Nachrede war nicht die beste: Graz 2003 hätte, hieß es Ende des vergangenen Jahres, die Stadt finanziell ruiniert. Sicher, die Gemeinde überwies in mehreren Tranchen 18,2 Millionen Euro an die Kulturhauptstadtmacher. Aber die Rückflüsse waren, wie Untersuchungen belegen, um ein Vielfaches höher: Die Veranstaltungsgesellschaft gab rund 44 Millionen Euro in der Stadt aus, die Mehrtagestouristen ließen an die 21 Millionen Euro in Graz, die Heerscharen von Tagesbesuchern zumindest weitere 15 Millionen.

Die Kassen der Stadt sind dennoch, eben auch aufgrund der enormen Investitionen, leer. Was zur Folge hat, dass Graz nun zwar über eine weithin bekannte Marke "Kulturhauptstadt" verfügt, aber über keine Inhalte, die über das alljährliche Normalprogramm hinausgehen: Die Touristen würden daher, befürchten manche, grob enttäuscht werden – und wieder ausbleiben. Aber der Kater gehört scheinbar dazu. Über Weimar zum Beispiel notierte die Süddeutsche Zeitung im August 2003: "Im Kulturstadtjahr renoviert und viel beredet, scheint die Stadt nun im Elend nach dem Ereignis versunken, wirtschaftlich bankrott, intellektuell mit sich und Verwaltungsfragen beschäftigt . . ." (Der Standard/rondo/13/02/2004)