Peter Noever, MAK Wien: Unsere Ausstellung "Out of Actions" hat schon 1989 im MOCA L.A. und anderswo den Kontext des Aktionismus gezeigt und auch, dass die radikalste Bewegung in Wien war. Die herkömmlichen Kunstbegriffe wurden unter extremem Einsatz erweitert. In der Schau (ab 2. März) wollen wir nicht Muehls Aktion und Utopie von seiner Kunst trennen. Wesentlich ist, dass er zu den bedeutendsten und wichtigsten heutigen Künstlern gehört. Aber wir werden nicht auf die Kommune eingehen, das wäre eine eigene Ausstellung.

Gerald Matt, Kunsthalle Wien: Die rituellen Exzesse und psychoanalytisch motivierten Experimente waren gegen ein bestimmtes Milieu gerichtet. Ohne Reibung an einem autoritären Katholizismus und einer gesellschaftlichen Doktrin kann der Aktionismus seine Wirkung nicht entfalten. Deshalb steht man ihm in den USA bis heute relativ verständnislos gegenüber. Schwarzkogler als Avantgardist der Performance-Kunst, Mühl als Père terrible einer Gesellschaftsutopie - geschenkt. Der Aktionismus als Gesamtkunstwerk ist außerhalb des europäischen "Bible Belt" noch immer ein Randphänomen.

Robert Fleck, Deichtorhallen Hamburg: Die historische Rolle des Wiener Aktionismus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was in den 60er-Jahren bei Happenings in NY ironisch gebrochen war, erscheint im Wiener Aktionismus von persönlicher Notwendigkeit getragen. Was anderswo Scherz war, wurde in Wien im Wortsinne blutiger Ernst und zur großen Katharsis mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch. Nicht umsonst haben die vier "Klassiker" des Wiener Aktionismus einen universalen Weltentwurf geschaffen, der jede Verständigung mit anderen Künstlern ausschließt.

Edelbert Köb, MUMOK Wien: Der österreichische Aktionismus ist Teil einer großen performativen Wende in den 60er-Jahren, ein zentraler Aspekt der Fluxuskunst. Von Paik über Beuys bis Spoerri waren alle im weitesten Sinn Aktionisten. Es ist wenig bekannt, dass Künstler der Pop Art wie Oldenburg und Kaprow auch aktionistisch tätig waren. Der österreichische Aktionismus hat bis heute eine Wirkungsgeschichte auf die amerikanische Kunst von Vito Acconci bis hin zu Paul Mc Carthy und Mike Kelley.

Stella Rollig, Lentos Linz: Der Wiener Aktionismus war die radikalste Bewegung seiner Zeit: extrem in den Mitteln, rücksichtslos gegen alle (Kunst-)Werte, dabei mit hohem Formbewusstsein. Ein Vergleich mit Fluxus oder auch Body-Art steht noch aus. Da müssten die Unterschiede zu offeneren, anti-hierarchischen Arbeiten benannt werden, die das Werk der Wiener Künstler als eine Show egozentrischen Männer-Gebarens ausweisen. Mein Verdacht: dass die Engstirnigkeit in diesem Land selbst die vehementesten künstlerischen Gegenpositionen in einer Weise infiziert hat, die eine emanzipative Großzügigkeit des Denkens und Handelns verhindert hat.

Max Hollein, Kunsthalle Schirn Frankfurt: Der Wiener Aktionismus ist von epochaler Bedeutung, nicht nur für die österreichische Kunstszene, sonder auch international. Er muss im Sinne eines Gesamtkunstwerks betrachtet werden - nicht einzelne Kunstwerke machen diese Kunstform so wichtig, sondern ihre künstlerischen Positionen und gesellschaftspolitischen Grundhaltungen. Nicht zuletzt bauen heute viele Künstler darauf auf. Um den Wiener Aktionismus wirklich verstehen zu können, bedarf es einer eingehenden Auseinandersetzung. Auch das hat zu einer großen internationalen Wertschätzung geführt. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.2.2004)