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Das blutverschmierte Hemd, das Daniel Craig in seiner Rolle als James Bond in Casino Royale getragen hat - zu sehen in der Ausstellung "For Your Eyes Only - Ian Fleming and James Bond", im Imperial War Museum in London.

Foto: AP/MATT DUNHAM

James Bond hätte Stalin sofort aufgesucht. Ian Fleming, sein Schöpfer, aber schickte dem sowjetischen Diktator zunächst eine schriftliche Anfrage, in der er um ein Interview bat. Ansonsten stand Fleming dem Draufgängertum seines Doppelnull-Agenten, der 1952 mit dem Roman Casino Royale das literarische Licht der Welt erblickte, in nichts nach. Der Spross aus einer privilegierten schottischen Familie, der Diplomat werden wollte, aber bei der Aufnahmeprüfung gescheitert war und stattdessen die Karriere eines Journalisten eingeschlagen hatte, war gerade einmal 24 Jahre alt, als er 1933 für die Nachrichtenagentur Reuters nach Moskau reiste, um über einen Spionageprozess gegen sechs britische Ingenieure zu berichten.

Ein Quäntchen Marketing

Die kurze Notiz, mit der der sowjetische Diktator Flemings kühne Bitte natürlich ablehnte, ist in der herrlich unterhaltsamen Ausstellung "For Your Eyes Only" zu sehen, die das Londoner Imperial War Museum zum 100. Geburtstag des Bond-Vaters zeigt. Die Hauptstadt hat sich zusätzlich mit touristischen Angeboten für den neuen Film Ein Quantum Trost und für das Jubiläum gerüstet: London tut sich nicht wirklich schwer, seinen Besuchern Flemings Lieblingsplätze als jene von Bond zu verkaufen – der Autor tat das oft genug selbst (siehe Infos am Textende).

Dass der Mann mit der Lizenz zum Töten eine verschärfte filmreife Zwillingsversion Flemings war, ist seit langem bekannt. Beide, Bond und Fleming, rauchten und tranken, beide liebten Golf, das Spiel, das Abenteuer, exotische Reiseziele, teure Anzüge, schnelle Autos und unkomplizierten Sex. Es war diese überspitzt exzessive Lebensweise, in der ein Geheimnis des Bond-Erfolges lag. Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges und den Ernüchterungen des Kalten Krieges, der Großbritanniens Rolle in der Welt verblassen ließ, verkörperte Bond den idealen Illusionsbeschleuniger, der den Briten das Gefühl gab, vieles immer noch besser zu können als andere.

Während Bond sich als Angestellter des britischen Geheimdienstes frei von jeglichen Konventionen entfalten und seinen manischen Trieben nachgehen konnte, gab Fleming sein Bestes, seinem Ideal im wirklichen Leben nachzueifern. "In seinem Haus in Jamaika schrieb Fleming am Morgen 1000 Worte", erklärt der Schriftsteller Sebastian Faulks, der in diesem Jahr einen Bond-Roman im Stile Flemings veröffentlichte, den routinierten Tagesablauf. "Dann ging er Schnorcheln, nahm einen Cocktail, Lunch auf der Terrasse, ging wieder Tauchen, schrieb weitere 1000 Worte am späten Nachmittag, dann mehr Martinis und bezaubernde Frauen."

Fleming hat sich mit Bond das Leben seines Lebens geschaffen. In der Schau wird diese These spannend und vielschichtig dargestellt – anhand von Filmrequisiten, persönlichen Gegenständen und Dokumenten. So ist erstmals Flemings Schreibtisch ausgestellt, an dem er auf seinem jamaikanischen "Goldeneye-Anwesen" Abenteuer erdachte. Und natürlich gibt es Halle Berrys orangefarbenen Bikini aus Stirb an einem anderen Tag zu sehen oder Daniel Craigs blutverschmiertes Smoking-Hemd aus Casino Royale. Wie auch zahlreiche Gadgets, die Fleming mit seiner Liebe für technische Innovationen und Spielereien erdacht hatte.

Und noch ein Geheimnis lüftet die Ausstellung. Es waren nämlich die Filmemacher, die Bond seine heute als typisch angesehene Ironie und seinen trockenen Humor verpassten. Flemings Bond war ein Agent, der seinem Leben mit aller Ernsthaftigkeit und Konsequenz nachging. Wie eben auch Fleming. Der starb bereits 56-jährig im Jahr 1964 – bei einer Runde Golf. (Ingo Petz/DER STANDARD/Printausgabe/8./9.11.2008)