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Abhängig bleibt der Blick auf Dresden auch von den Launen den Elbe. Nach dem Hochwasser im Jahr 2002 führte der Fluss in diesem Sommer kaum Wasser.

Foto. dpa/Matthias Hickel

Die sächsische Barockstadt Dresden befindet sich seit den 1990er-Jahren in einer neuen Phase des Wiederaufbaus. Nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte hatte die Nachkriegsphase Jahrzehnte gedauert.

Eine wiederkehrende Frage, die sich der Reisenden stellt, ist, ob das, was sie sieht und empfindet, annähernd dem entspricht, was andere Leute beim selben Anblick - hier beim Blick von der Augustusbrücke auf das Terrassenufer in Dresden - schauen und fühlen. Vor allem: Gibt es vielleicht einen generationsspezifischen Blick?

Ich meine konkret den Blick jener - meiner - Generation, die den Krieg nicht erlebt hat, aber nahe genug daran, innerhalb von zwanzig Jahren danach, geboren ist, um ihn quasi als Erbgut mit sich herumzutragen. Und je älter man wird, desto näher scheint diese nicht gekannte Zeit zu rücken. Vielleicht auch, weil man in unserem Alter die Eltern und Großeltern besser verstehen will.

Die Frage ist also, ob irgendjemand meiner Generation in Dresden auf der Augustusbrücke stehen kann mit der Altstadt-Skyline vor sich, ohne an den 13. und 14. Februar 1945 zu denken, oder auch, ohne den jüdischen Romanisten Victor Klemperer durch die Straßen hasten zu sehen. Die Frage ist, wie man als Tourist mit Dresden umgehen soll, was man bewundern soll: was übrig geblieben, was wieder aufgebaut ist, Dresden als Denkmal dafür, dass Menschen nach der Katastrophe wie die Ameisen weiterkrabbeln?

Da nützt es auch nichts zu wissen, dass - anders als der Mythos lautet - Dresden eben nicht ärger getroffen wurde als andere Städte und nicht "unschuldiger" war.

Es dauert eine Weile, bis der Blick weniger emotional ist, aber es geht schon. Das Elbehochwasser 2002 ist ernüchternd hilfreich dabei: großes Staunen auf der Brücke darüber, wo es damals gestanden ist, das gibt es doch gar nicht, so ein Desaster. Aber dann herunter von der Brücke, ab in die sächsische Barockpracht rund um das Residenzschloss - auch wenn man dabei über etliche Baustellen stolpern wird, denn seit den 1990er-Jahren läuft ja sozusagen ein zweiter Wiederaufbau.

Und da wird - nicht risikolos, aber dennoch erfreulich - nicht alles einfach so historisierend nachgebaut. Die Dresdner, die sich in den vergangenen Jahrzehnten an die durch die Bomben geschaffene Baulücken-Luftigkeit ihrer Altstadt gewöhnt haben, schimpfen zwar, dass jetzt alles wieder zugemacht wird, aber dem "Normalzustand" Dresdens kommt es so natürlich näher.

Vom Kirchturm aus

Apropos Normalzustand: Wenn man sich ein wenig Kindlichkeit bewahrt hat (sonst bitte nicht) und eine Lektion in "Barockes Dresden" wünscht zur Abgleichung mit dem heute Vorhandenen, dann sollte man zum "Panometer" hinausfahren, einem früheren Gasometer im Stadtteil Reick, in dem der übrigens in Wien geborene Wiederholungstäter (freundlich gemeint) Yadegar Asisi wie schon zuvor in Berlin und Leipzig ein Rundum-Stadtpanorama errichtet hat.

Man steht da also fiktiv auf dem Turm der Schlosskirche und sieht das Dresden des Jahres 1756 rund um sich, rekonstruiert aus den Bildern Bernardo Bellottos und anderen, und auf dem PC in Perspektive gebracht. Beschaulich anschaulich ist das - wobei die Zeit nicht zufällig im Jahr 1756 eingefroren wurde, denn am Horizont (des Rundgemäldes ebenfalls festgehalten) ziehen schon die Preußen unter Friedrich II. auf, der bei Pirna die sächsische Armee schlägt und im September in Dresden einrückt.

Das bedeutete das Ende der Blütezeit, in den einzelnen Etappen des folgenden Siebenjährigen Krieges wurde die Stadt teilweise abgebrannt, bombardiert und belagert. Es sollte auch damals Jahrzehnte dauern, bis sie sich wieder erholt hatte.

Die neue Frauenkirche

Die Panometer-Empfehlung sei hier auch deshalb erlaubt, weil man einem Dresden-Besucher wohl kaum nahelegen muss, dass er den Zwinger, die Semperoper und den Fürstenzug anschauen soll. Aber von den auf der Hand liegenden Dingen muss dennoch die Frauenkirche erwähnt werden, in dieser Form gibt es sie ja noch nicht lange (wieder).

Bomben und Brand hatte die berühmte, über Dresden "schwebende" glockenförmige Kuppel im Februar 1945 nur scheinbar überstanden, erst zwei Tage später stürzte sie in sich zusammen. Die Ruine - Chor und Grundmauern waren übrig - wurde in der DDR stehengelassen, als Mahnmal. Ziemlich rasch nach der Wende beschloss die Stadt den Wiederaufbau der Kirche, deren Weihe im Oktober 2005 erfolgte.

Dem Wiederaufbau war eine systematische Entrümpelung des Steinhaufens der eingestürzten Kuppel vorangegangen. Jeder Stein wurde auf Wiederverwendbarkeit geprüft, digital erfasst und seinem früheren Platz zugeordnet. 8390 Steinquader wurden katalogisiert, 3634 davon wieder eingesetzt. Das gibt der Frauenkirche heute einen ganz eigenen Charakter, der für eine Übergangszeit steht: Die Unterschiede zwischen den dunklen alten und den hellen weißen Steinen werden irgendwann einmal unter der gleichen Patina verschwinden, so wie die Zeit verschwindet.

Was geht sich hier sonst noch aus, vielleicht ein Hinweis auf die Schauorgie in der Schatzkammer der Wettiner im Neuen Grünen Gewölbe im Schloss (für das man sich nicht lange vorher anmelden muss wie für das Historische Grüne Gewölbe)? Und weil wir damit bei der Genusssucht sind, sei noch auf die knackigen Meißner Weine (Großlagen an der oberen Elbe und unterhalb von Dresden) aufmerksam gemacht, sowie auf die Molkerei Pfund, deren alter Milchladen mit handgemalten Villeroy-&-Boch-Fliesen in der Bautzner Straße auch noch die Japaner-Anstürme überstehen wird. Ja, dort wird Kitsch verkauft, aber es ist eben Dresdner Kitsch, in unserer globalisierten Einkaufswelt. (Gudrun Harrer/DER STANDARD/Printausgabe/6./7./8.12.2008)