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Dachstein Sky Walk.

Foto: APA

In mehr als fünfzig Zickzacks erklimmt der steile Steig fast 1100 Höhenmeter von der Ramsau bei Schladming zur Feisterscharte auf 2193 Meter Seehöhe. Wer würde erwarten, hier oben auf der kargen Hochfläche des Dachsteins Kulturland zu begegnen? Und doch ist es so. Seit 4000 Jahren, archäologisch gesehen seit der Bronzezeit, gibt es hier Almwirtschaft. Die Spuren davon sind heute noch - auf einer eineinhalbtägigen hochalpinen Wanderung - deutlich erkennbar: In Karstmulden, sogenannten "Gruben", gab es die ersten urzeitlichen Weideflächen.

So etwa in den "Handgruben" oder der "Lackenofengrube", in der das bronzezeitliche Steinfundament einer Almhütte zu sehen ist. Solche "Almwüstungen" - der archäologische Fachausdruck benennt alpine Wirtschaftsflächen, die aufgegeben wurden, aber in Bodenfunden, Flurnamen oder mündlichen Überlieferungen weiterleben - finden sich im gesamten Alpenraum, aber besonders gehäuft auf dem Dachsteinplateau.

Das alles erfahren wir aus einem Ende des Monats erscheinenden Kulturwanderführer, der höchst spannend und amüsant auf insgesamt 25 Wanderungen und Bergtouren in die Geschichte des Dachsteins und seiner umliegenden Gebirgszüge lockt. Wer denkt schon daran, dass wir Freizeitmenschen des 21. nachchristlichen Jahrhunderts auf hochalpinen Pfaden wandern, die bereits vor 9000 Jahren von Jägern benutzt wurden.

Später, nach der Domestizierung von Tieren und Pflanzen, wurden die Menschen sesshaft und mussten, um im rauen alpinen Klima zu überleben, eine ausgeklügelte Vorratswirtschaft betreiben. Während die gerodeten Lagen im Tal für die Wintervorräte sorgten, lebten Mensch und Vieh im Sommer von dem, was die Region über der Waldgrenze hergab.

Dafür hatte der mehr als 200 Millionen Jahre alte wasserlösliche Dachsteinkalk ideale Bedingungen geschaffen. Die vielen Karstmulden der Hochgebirgsregion im Süden des Salzkammerguts bildeten für die ersten Älpler "Urweiden", die nicht erst gerodet werden mussten, um das Vieh zu nähren und damit den Menschen Milch und Fleisch zu liefern. Erst im Mittelalter wurden die ersten Rodungsalmen unterhalb der Waldgrenze angelegt.

Beschickt wurden die ersten Almen auf der Dachsteinhochfläche von Hallstatt aus. Dort wird seit der Bronzezeit Salz gewonnen, um 1200 v. Chr. wurde der Ort zum Zentrum der nach ihm benannten Hallstattkultur, der ersten Hochkultur der Eisenzeit. Die Almen wurden zu Nahrungslieferanten der Bergleute und zu wichtigen Rast- und Verpflegungsstationen eines florierenden Handels zwischen Nord und Süd. Ein solches Hospiz für den Saumhandel wird am Fuße des Lackenofens vermutet. Erste Spuren eines 6000 Jahre alten Saumpfads über die Alpen finden sich dagegen am Sölkpass, und von Gröbming führte ein direkter Übergang nach Hallstatt. Wertvolle Grabbeigaben aus der Hallstattkultur legen die Vermutung nahe, dass der Salzhandel damals bis nach Afrika reichte.

Bis herauf in die Neuzeit blieb der Dachstein einer der wichtigsten Handels- und auch Schmuggelwege der Ostalpen. Ein kurioses, aber religionsgeschichtlich brisantes Schmuggelgut vom Norden nach dem Süden waren dabei die in der Zeit der Gegenreformation verbotenen Lutherbibeln für die Protestanten im Ennstal. Immer noch finden sich hin und wieder im Gebälk von Häusern in der Ramsau solche versteckte Heilige Schriften.

Der Erste, der den Dachstein wissenschaftlich erforschte, war der böhmische Geologe, Botaniker und Geograf Friedrich Simony, der das Gebiet 1840 zum ersten Mal betrat und dabei, rein auf naturwissenschaftliche Beobachtungen und Erkenntnisse gestützt, merkwürdig negative Urteile gewann. Er stieß auf "Spuren einer unaufhaltsam fortschreitenden Zerstörung", auf "Ruinen zerrissener, zerklüfteter, tausendfältig benagter und ausgefurchter Höhenzüge".

Eineinhalb Jahrhunderte später sieht man das anders.1997 wurde die Hochgebirgsregion Hallstatt-Dachstein-Salzkammergut in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen, als "herausragendes Beispiel einer Naturlandschaft von großer Schönheit und hohem wissenschaftlichen Interesse, die auch Zeugnisse wesentlicher wirtschaftlicher Tätigkeiten aufweist".

Das Prädikat zeitigte Folgen. Im Auftrag der Österreichischen Bundesforste AG erarbeitete die Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz eine touristisch-kulturelle "Inszenierung" des Dachstein-Welterbes. Unter der Leitung der Architekturprofessorin Elsa Prochazka erarbeiteten Studenten in einem viersemestrigen Projekt ein Konzept, das vergangenes Jahr vorgestellt wurde: die Modernisierung der Krippenstein-Seilbahn mit rollstuhlgerechten Zugängen in allen drei Stationen, Themenwege mit Aussichtsplatt-formen sowie künstlerische Licht-, Klang-, Laser- und Videoinstallationen in der Koppenbrüller-, Mammut- und Eishöhle. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/24.4.2009)