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Wer eine solche Anlage haben will, braucht Geduld.

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Meine Überzeugung, Kinder möglichst früh mit grünem Zeug aller Art bekanntzumachen, ist tief und mehrfach begründbar. Erstens ist es praktisch, wenn in den Gemüsegarten geschickte Sprösslinge tatsächlich mit dem geforderten Petersil zurückkehren und nicht mit einem Büschel Giersch. Zweitens gehört es meines Erachtens zur humanistischen Menschwerdung, Fichten von Maiglöckchen unterscheiden zu können. Drittens produzieren frühe und aufregende Begegnungen mit Pflanzen lang anhaltende wohlige Gefühle.

Der Geruch von Buchshecken beispielsweise katapultiert mich heute noch zurück an einen längst vergangenen heißen, mit dem köstlichen Bewusstsein völliger Pflichtenlosigkeit erfüllten Ferientag.

Ein magischer Ort

Wir waren ungefähr zehn und zu zweit und taten, was wir immer schon zu tun vorgehabt, uns aber nicht getraut hatten: Wir schlüpften durch ein Loch im Zaun in einen alten, verlassenen Park, der ein riesiges, prachtvolles und seit Jahren unbewohntes Schlösschen umgab. Ein magischer Ort. Betreten selbstverständlich streng verboten. Verlockender geht's nicht. Wir beschlossen, dass eine Mutprobe nottat, krochen durch Dickicht, betrachteten die blühenden Reste alter Blumenbeete, standen plötzlich vor meterhohen dunkelgrünen Hecken, die wie Wände vor uns aufragten und einen aufregenden Duft verströmten: Ein alter Irrgarten aus Buchshecken, seit ewig Zeiten nicht geschnitten. Eine schattig-grüne Irrwelt, die wir fast traumwandlerisch erforschten wie Fabelwesen eine eben entdeckte neue Welt. Dicht aneinandergepresst und sicherheitshalber mit einem Stecken bewaffnet, weil man ja nicht wissen konnte, was hinter der nächsten Biegung auftauchen würde.

Was wir fanden, war das Zentrum der Anlage, und dieses markierte ein achteckiger Steinblock. Unter dem argwöhnten wir natürlich den Zugang zu geheimen Gängen und - insgeheim wohl auch zu vergrabenen Schätzen. Und rundherum der Buchs, sein Duft, das dunkle Grün.

Dieser Irrgarten wurde viele Jahre später sorgfältig wieder in Form gebracht. Der Stein liegt immer noch in seiner Mitte. Die Schätze und Geheimgänge wahrscheinlich auch.

Verwirrspiel mit gewachsenen Wänden

Bereits seit der Renaissance lieben Gärtner und Architekten das Verwirrspiel mit gewachsenen Wänden; und dass es im Irrgarten Täuschungsmanöver wie Sackgassen und Abzweigungen gibt, unterscheidet ihn vom Labyrinth, in dem ein verschlungener Pfad zum Ziel führt.

Wer eine solche Anlage haben will, braucht Geduld. Der Buchs wächst langsam, und damit er dicht wird, muss er regelmäßig geschnitten werden. In Großbritannien schnipseln die Gärtner ihre Buchse nicht selten zweimal pro Saison. Erst im Mai, dann nochmals im September. In unseren vergleichsweise trockeneren Gefilden tut's gewöhnlich ein Formschnitt. Ob der besser im Frühjahr oder im Spätsommer erfolgt, darüber gehen die Buchsphilosophien auseinander. Sicher ist aber, dass man eine trübe, wenn möglich regnerische Phase abwarten soll, weil bei Sonnenschein mit Blättersonnenbrand gerechnet werden muss und der Buchs sich braun verfärbt.

Verspieltere Naturen können sich an Knotengärten versuchen. Dafür braucht es weniger an Höhe als an schneiderischem Geschick und guter Planung. Der Duft, der ist in jedem Fall gratis. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/15/05/2009)