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Aufnahme von der Fashionweek in Berlin

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Modefotografie von Helmut Newton

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Helga Traxler "When I was a child" - Gewinnerin des Editorial Awards

Ziegelböck: Beide Köpfe auf diesem Bild sind angeschnitten. Diese Art der Verweigerung halte ich für ein charakteristisches Merkmal der österreichischen Modefotografie. Oft passiert das hierzulande aus Mangel an guten Models. Zugespitzt könnte man behaupten, dass der Mangel, dem die Branche in Österreich unterworfen ist, oft einen kreativen Einsatz der Mittel bedingt. Man macht aus wenig viel.

Semotan: Schneidet man das Bild nicht an, ist man mit einer doppelten Verführung konfrontiert: mit dem Blick des Models und mit der Erotik seines Körper. Apropos Verweigerung: Das scheint mir eine spezifisch österreichische Eigenschaft zu sein. Früher war es beinahe unmöglich, junge österreichische Männer zu fotografieren, da es für Männer gesellschaftlich nicht akzeptiert war, als Fotomodell zu arbeiten. Schönheit ist hierzulande mit einem Makel behaftet. Es ist etwas Oberflächliches.

Ziegelböck: Während Kunst einen hohen Stellenwert hat, ist die Skepsis gegenüber Fotografie groß. Modefotografie hat in Österreich keine Tradition. Das haben viele Fotografen inkorporiert. Ist man allerdings dogmatisch, wird man international kaum eine Chance haben.

Rigaud: Die Qualität der heimischen Fotoindustrie ist nicht mit jener in Paris oder New York zu vergleichen. Das ist der Grund, warum niemand von uns in Österreich lebt.

Ziegelböck: Es schadet aber nicht, in Österreich seine ersten Schritte zu machen. Ein 23-Jähriger, der am Set jeglichen Luxus hat, ist vollkommen überfordert. Da ist es besser, sich nach und nach mit verschiedenen Möglichkeiten vertraut zu machen.

Nick Knight in Another Magazine, 2009

Ziegelböck: Dieses Foto lebt vom Styling und vom Make-up. Erst die Kombination des langweiligen Sakkos und der glänzenden Leggings macht das Bild aufregend. Stylisten sind die Kuratoren der Mode, sie haben heute viel mehr Macht als früher.

Semotan: Die Machtverhältnisse in der Modebranche haben sich verschoben. Styling kann Bilder retten, kann sie aber auch kaputtmachen. Manche Fotografen benötigen gute Stylisten wie Wasser zum Überleben. Das Bild erinnert mich an die Arbeiten von Matthew Barney, der Fotograf Nick Knight scheint sich darauf zu beziehen.

Rigaud: Es ist interessant zu beobachten, wie schnell Modefotografie Trends und Moden aufnimmt und umsetzt. In der Reportage- und Porträtfotografie gibt es das nicht.

Ziegelböck: An diesem Bild sieht man das am Einsatz von Bodypainting. Die Bemalung des Körpers ist zu einem wichtigen Stilmittel der Fotografie geworden.

Semotan: Der Inszenierungswille der Mode war noch nie so stark wie heute. Das spiegelt die Selbstinszenierung der heutigen Jugend wider. Früher setzten sich nur Ludwig XIV. und sein Hof in Szene, heute macht das beinahe jeder. Auch das reflektiert dieses Bild in seiner extremen Künstlichkeit und relativen Emotionslosigkeit.

Juergen Teller fotografiert Winona Ryder, 2003

Ziegelböck: Der Schlüssel zu Jürgen Tellers Modefotografie ist sein Umgang mit Glamour. Wenn man statt der Marc-Jacobs-Handtasche eine von H&M verwendet, funktioniert das Bild nicht mehr. Es lebt von einer banalen Situation, die mit Luxusartikeln ausstaffiert wird.

Semotan: Und mit Stars! Teller arbeitet fast ausschließlich mit Stars. Dabei zeigt er, wie wichtig es ist, als Fotograf ein sehr nahes Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Am Anfang von Tellers Karriere standen Bilder im Haus seiner Eltern, mit Mama und Papa. Jetzt inszeniert er Stars genauso wie er seine Eltern inszenierte.

Ziegelböck: Er ist dabei ungemein humorvoll. Auch wenn er oft mit der Holzkeule kommt. Er unterläuft klassische Sehgewohnheiten, inszeniert Techniken der Amateurfotografie.

Semotan: Er erhebt Trash-Fotos zu höchster Qualität. Die Bilder sind immer überbelichtet, es sind keine Details erkennbar.

Rigaud: Und es ist alles gleich unscharf. Das funktioniert perfekt als Stilmittel.

F.C. Gundlach in Brigitte, 1966

Semotan: Das ist kein typisches Gundlach-Bild. Es ist viel moderner als alles, was er gemacht hat. Die Situation für Modefotografen in den Nachkriegsjahrzehnten war traurig: Es gab außer der Zeitschrift Film und Frau kaum Magazine, in denen man veröffentlichen konnte. In Österreich haben durch die Bank Reporter Mode fotografiert.

Rigaud: Gundlach war der bekannteste Brigitte-Fotograf und damit der bekannteste deutsche Fotograf der Nachkriegszeit.

Ziegelböck: Die Komposition ist sehr klassisch, wie aus dem Hasselblad-Katalog: der goldene Schnitt, die Achsen, der malerische Aufbau des Bildes. Diesbezüglich hält er sich an die Konvention. Was das Styling anbelangt, kann man das nicht behaupten.

Semotan: Dass das Model eine Badehaube trägt, ist sensationell. Dazu die nackten Beine, das Hemd von hinten. Gundlach lässt ungemein vieles, was damals Pflicht war in der Modefotografie, weg. Diese Reduktion macht das Bild modern.

Helmut Newton-Porträt von Nastassja Kinski, 1983

Semotan: Das ist ein klassisches Modebild. Die Art der Inszenierung, der Bildanschnitt, die Kleidung, dass es in Schwarz-Weiß gehalten ist. Die Autorenschaft des Helmut Newton liegt darin, dass er das klassische Madonna-mit-Kind-Motiv mit Puppe fotografiert. Die Pointe ist, dass die Puppe kein Baby ist, sondern die alternde Marlene Dietrich.

Rigaud: In den 80er-Jahren, als dieses Bild entstand, hatte es ein gewisses Skandalpotenzial. Nastassja Kinski als säugende Madonna darzustellen, mit entblößter Brust, wäre heute kaum mehr möglich.

Ziegelböck: Heute ist die Imagekontrolle wesentlich stärker als in den Achtzigern. Aber auch aus einem anderen Grund ist ein solches Bild heute nicht mehr denkbar: Es würde als Newton-Plagiat abgetan werden.

Semotan: Radikal finde ich die Art der Darstellung der Beziehung zwischen den zwei Frauen. Von religiöser Seite könnte man die Umdeutung des Maria-lactans-Motivs monieren, interessanter finde ich aber eine andere Interpretation, die das Bild zulässt: Eine Schauspielerin nährt eine andere Schauspielerin.

(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/29/05/2009)