Als wäre sie in Stanniolpapier eingewickelt: Die "balancierende Scheune" in Suffolk wurde vom niederländischen Architektenbüro MVRDV entworfen.

(Foto: MVRDV, The Balancing Barn 2010)

Foto: Living Architecture

Das Interieur von "Balancing Barn" dachte sich der Designer Jurgen Bey aus.

(Foto: Studio Makkink, Bey / MVRDV, Living Architecture)

Foto: Living Architecture

Autor, Philosoph und Bauherr Alain de Botton.

(Foto: Living Architecture, Vincent Starr)

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Alain de Botton schreibt Top-Seller über die Liebe, das Reisen oder die Architektur. Jetzt baut und vermietet er ausgeflippte Ferienhäuser und will den Briten eine Lektion in Sachen modernes Design und Architektur erteilen. Michael Hausenblas fragte ihn nach seinen Gründen.

STANDARD: Warum haben viele Menschen ein Problem mit moderner Architektur?

Alain de Botton: Ich glaube, dass moderne Architektur sehr oft mit der Kälte und schlechten Qualität von Nachkriegswohnbauten assoziiert wird. Ein weiterer Grund ist die wachsende Nostalgie. Die Welt dreht sich so schnell, dass moderne Bauten oftmals als Symbol für die Schnelllebigkeit herhalten müssen, die wir weder verstehen noch mögen. Es geht also auch um eine Angst vor der Zukunft.

STANDARD: Es gibt das Sprichwort, "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht". Gilt das auch für moderne Architektur?

de Botton: Ja, wenn man moderne Architektur nicht erkennen oder erfahren kann, ist man möglicherweise irritiert. Ich habe in diesem Zusammenhang vor wenigen Jahren ein Buch geschrieben, dann aber herausgefunden, dass ein Buch über Architektur zu schreiben die eine Sache ist, etwas zu bauen aber eine ganz andere. So entstand dann unsere Non-Profit-Organisation Living Architecture, die Ferienhäuser baut und vermietet.

STANDARD: Was stimmt denn nicht mit all den Cottages im Rosamunde-Pilcher-Stil, den viele Menschen an England so lieben? Mögen Sie diese Häuser nicht?

de Bottton: Ich habe eine richtige Angst vor einer bestimmten Art des altmodischen England. Ich verbinde es mit emotionaler Kälte, wirtschaftlichem Nicht-wissen-was-Tun und reaktionärer Politik. Nein, ich bin kein großer Fan von alten Schiebefenstern und Blümchentapeten.

STANDARD: Nehmen wir Ihr Ferienhaus namens "Balancing Barn", das aussieht wie eine silberne Riesenwippe. Die Architektur stammt vom niederländischen Architektenbüro MVRDV, das Interieur hat Jurgen Bey ausgewählt. Es wird nicht jedem gefallen.

de Botton: Dieses Risiko besteht natürlich immer. Es ist wie bei einem Küchenchef, der lange an einem Gericht herumtüftelt. Wir hoffen, dass die Menschen dieses Haus mögen. Bis jetzt hatten alle Gäste eine gute Zeit dort. Es ist übrigens sehr interessant, in einem Haus zu schlafen, das auf gewisse Art über einen Abhang gleitet. Auf diese Art gleiten wir sonst nur im Flugzeug. Architektur soll uns auch körperlich in Positionen bringen, in denen wir uns und die Umwelt auf eine andere Art erleben können.

STANDARD: Sehen Sie sich als eine Art Lehrer für Architektur und Design?

de Botton: Ich wünsche mir, dass die Leute zu uns kommen und ein wenig umdenken, was die Art der Häuser betrifft, die sie bislang mochten. Es geht in England um ein Anheben der Geschmacksstandards. Wenn man sieht, wie schnell und umfangreich das in Sachen Kochen gelang, kann man optimistisch sein.

STANDARD: Sie wollen also eine Art Jamie Oliver der Architektur und des Designs sein?

de Botton: Absolut. Das wäre ein schöner Titel. Ich liebe Jamie Oliver. Für Architektur das zu bewerkstelligen, was ihm in Sachen Kochen gelang, ist ein tolles Ziel.

STANDARD: Sie meinten einmal, um Geschmäcker zu verändern, muss man Menschen in Situationen bringen, in denen sie sich in ihrem Status quo nicht mehr wohlfühlen. Wie wollen Sie das anstellen?

de Botton: Geschmäcker erzählen uns viel darüber, was Menschen in ihrem Leben vermissen. Menschen, die ihre Wohnzimmer mit Teddybären und Puppen dekorieren, fliehen oft vor etwas sehr Negativem, das ihnen passiert ist. Leute, die weiß gestrichene, leere Räumen bevorzugen, wollen sich vom Gefühl von Chaos und Unordnung fernhalten. Warum also stehen so viele Leute auf Altmodisches? Mit diesem Stil wollen sie sich von dem distanzieren, was ihnen zu viel wird: Technologie, Beton und Hightech. Viele Menschen hassen moderne Architektur, weil sie ihnen nicht dabei hilft, in psychischer Balance zu bleiben.

STANDARD: Und wie gingen Sie die Sache konkret an?

de Botton: Wir wollten die Architekten betreffend eine Mischung aus Toparchitekten und jungen Unbekannten aus verschiedenen Ländern. Unsere Handvoll Häuser sind gewollt sehr verschieden gestaltet. Da ist das "Balancing Barn"-Haus, ein anderes hat vier Stahldächer, ein anderes wirkt wie eine schwarze Schachtel. Abgesehen von den Standorten ist uns wichtig, dass die Menschen Räume vorfinden, die sich von ihren eigenen vier Wänden unterscheiden.

STANDARD: Was denken Sie über die Seele eines Hauses?

de Botton: Schönheit spielt eine große Rolle, wenn es um unsere Stimmungen geht. Wenn wir ein Haus oder einen Sessel schön finden, meinen wir in Wirklichkeit, dass wir sein Wesen mögen. Wenn man das Stück in eine Person verzaubern könnte, würden wir diese gern haben. Es wäre doch bequem, wenn wir unabhängig von unserem Aufenthaltsort in der gleichen Stimmung bleiben würden. Wenn es also keinen Unterschied macht, ob wir uns in einem billigen Motel oder in einem Palast aufhalten. Wie viel Geld könnten wir sparen, wenn wir unsere Häuser nicht renovieren würden! Unglücklicherweise sind wir aber sehr sensibel, was die Signale betrifft, die unsere Umgebungen aussenden. Das hilft bei der Erklärung unserer Leidenschaft für Architektur und Inneneinrichtung. Diese Dinge helfen uns bei der Entscheidung, wer wir sein wollen. Natürlich kann uns die Architektur nicht immer zu zufriedenen Menschen machen. Man könnte es auch mit dem Wetter vergleichen. Ein sonniger Tag kann unsere Stimmung heben, und fast alle Leute würden gern in sonnigen Gefilden leben. Aber unter der Last großer Probleme kann weder der blaueste Himmel noch das großartigste Gebäude ein Lächeln in unser Gesicht zaubern.

STANDARD: Kennen Sie ein Gebäude, das einem perfekten Haus nahekommt?

de Botton: Mein perfektes Haus ist das Steinhaus von Herzog & de Meuron in Tavole.

STANDARD: Ein perfektes Möbel?

de Botton: Ich verehre die Sessel des schweizerischen Unternehmens Horgen Glarus.

STANDARD: Was halten Sie von der österreichischen zeitgenössischen Architektur?

de Botton: Ich liebe viele österreichische Architekten. Einige von ihnen stammen aus Vorarlberg. Meine Favoriten sind Marte.Marte. Wir würden sie gern auch bei Living Architecture dabei haben.

STANDARD: Was ist der Unterschied zwischen Österreich und England in Sachen moderner Architektur?

de Botton: Österreich akzeptiert diesbezüglich die Gegenwart. Es steckt nicht in irgendeiner ländlichen Fantasie vom Leben vor 200 Jahren fest. Gott sei Dank!

STANDARD: Auch der Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor ist nun mit an Bord und entwirft ein Haus für Living Architecture in Devon. Wie reagierte er auf Ihre Einladung?

de Botton: Zumthor hat in seinem Leben nur eine Handvoll Dinge gebaut. Er hat zugesagt, weil er Respekt hatte vor dem, was wir da tun. Und weil wir ihm sagten, wie sehr wir seine Arbeit schätzen. Mit ihm zu arbeiten ist eine reine Freude, und sein Haus wird bestimmt ein Meisterstück moderner Architektur werden.

STANDARD: Die Mietpreise der Living-Architecture-Häuser sind nicht gerade Schnäppchen. Sie kosten mehr als 1400 Euro pro Woche. Menschen mit schmaler Börse werden also weniger über moderne Architektur lernen können.

de Botton: Die Preise sind sehr vernünftig. Wenn man das Haus mit mehreren Leuten mietet, kommt man pro Nase auf circa 25 Euro pro Nacht. Das ist doch demokratische Architektur – absolut leistbar.

STANDARD: Sie sagten einmal, der Unterschied zwischen einem Ferienhaus und einem Hauptwohnsitz sei wie der zwischen einer Affäre und der Ehe.

de Botton: Ferienhäuser können es sich leisten, total durchdesignt zu sein. Dinge können einfach dort sein, nur weil sie gut aussehen. Es muss nicht so praktisch sein. Im Alltag ist es so, dass man viel zu viel Krimskrams anhäuft, den man auch noch verstauen muss.

STANDARD: Angeblich haben Sie Prince Charles eingeladen, einige Tage in einem Ihrer Häuser zu verbringen. Es ist bekannt, dass er nicht als großer Fan moderner Architektur gilt.

de Botton: Ich glaube nicht, dass er kommen wird. Aber er sollte, er würde so viel lernen.

STANDARD: Vielleicht wäre Ihre Silberwippe perfekt für die Flitterwochen von Prinz William und Kate?

de Botton: Aber sicher. Die nächste Generation in England wird modernes Design bestimmt sehr mögen. Vielleicht auch ein bisschen wegen Living Architecture. (DER STANDARD, Rondo, 4.3.2011)