Joachim Bessing macht Navy schön

Neulich auf einer Ausstellungseröffnung ("Paradis" von Juergen Teller bei Johann König hier in Berlin - im Übrigen nicht die Reise wert) beschaute mich ein Freund von Kragen bis Hosenbein, um dann festzustellen: Navy. Ist auch eine Altersfrage, oder?

Bei mir nicht. Ich finde diesen dunklen Blauton, er wird mit Marineblau gewissermaßen falsch übersetzt, derart schmeichelnd - mir fällt jetzt gerade überhaupt kein Menschentypus ein, ob Frau oder Mann, der in Navy unattraktiv aussieht. Im Gegenteil: Navy macht schön. Da muss man sich nur einmal so einen ausgesprochen brutalen Kapitalisten wie beispielsweise Herrn Ackermann, den Vorstandsvorsitzenden der sogenannten Deutschen Bank, anschauen - oder den Herrn Guttenberg: Das Einzige, was diese Männer noch als annehmbar erscheinen lässt, ist das Blau ihrer Anzüge - wenn es denn gen Navy tendiert. Wahrscheinlich liegt es an solchen Typen, den berüchtigten Nieten in Navy, dass meine Lieblingsfarbe unter Partyplauderern als langweilig verschrien wird. Mich kratzt das nicht, das behaupten die ja sogar über meine Person. Als ich während der Herrenschauen in Mailand aus Langeweile über die nicht navyfarbenen Klamotten in der dortigen Boutique der Maison Martin Margiela in der Via Spiga vorbeischaute, sah ich, nein: Ich sank in die Ärmel meines unschlagbaren Lieblingsstückes dieser Saison.

Joachim Bessing leitet den Stilteil der "Welt" in Berlin.

Gerda Buxbaum mag ein Abendkleid von Jason Wu

Das paillettenbestickte Abendkleid von Jason Wu hat mein Modehistorikerherz erobert. Wahrscheinlich war es das Cecil-Beaton-Foto aus den 30er-Jahren, das vor meinen Augen aufgetaucht ist: Mademoiselle Chanel höchstselbst in einer cremefarbenen, über und über bestickten schmalen Robe, mit verschränkten Armen entspannt an die Wand gelehnt, am Kopf einen Schleier mit einer Kamelie - die personifizierte Anmut. Jason Wus Abendkleid ist von einer ähnlichen, von mir so geschätzten Form zurückhaltender Raffinesse: Es kommt - sehr bedeckt und in einem weichen Hautton - ohne großes Dekolletee, ohne plakative Farbe und ohne aufgesetzte Dekorationen, Bauschungen und Drapierungen aus. Trotzdem wirkt das Kleid keinesfalls langweilig: Die wie zufällig verstreuten matt schimmernden Pailletten erzeugen eine sehr lebendige Oberfläche.

Gerda Buxbaum ist die ehemalige Direktorin der Modeschule Wien in Hetzendorf.

Franziska Weisz trägt Zebra-Python-Heels von Jimmy Choo

Sollte es auch unter Schuhen Außerirdische geben, dann haben die nur deshalb so hohe Stelzen, damit man so schnell wie möglich zurück ins Ufo kommen kann. Diese Schuhe lösen bei mir Verlust-ängste aus - und das, bevor ich sie überhaupt besitze. Auch wenn Jimmy Choo für mich bisher kein Fixstern am Schuhhimmel war: Wer käme je auf die Idee, dass bei der Kreuzung von Python und Zebra etwas so Wohlproportioniertes herauskommt? Ich zweifle zwar massiv an ihrer Gehfunktion - sie sind als Fortbewegungsmittel wahrscheinlich genauso zuverlässig wie die Hindenburg - aber vor dem Aufprall würde ich in ihnen zumindest für einen Moment über die Erde schweben. Aber unter uns: Mit so viel Sexappeal an den Füßen kann man sich auch ein paar Meter weit tragen lassen.

Franziska Weisz ist eine österreichische Schauspielerin, u. a. "Hundstage", "Die Räuber".

Barbara Vinken liebt ein Kleid von Alaia

Azzedine Alaia, der lange fast vergessen schien, ist wie alles Französische in der Mode wieder da: Wo man hinsieht Polkadots und die blau-weißen Streifen der bretonischen Fischerpullover, die Gaultier zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Und natürlich Ballerinas: die Schuhe, aber vor allem der Tutu. Keiner kann den Körper durch schlichte Maschen so bestrickend modellieren wie Alaia. Er macht ihn zu einer beweglichen Skulptur. Das Ballerinnenkleid ist schwerer, als es aussieht. Fest fasst es den Körper; der Rock schwingt füllig. In der Alaia eigenen Mischung von fast Athletischem und Kostbarem ist das Oberteil von Spitzen durchbrochen, die im schwingenden Rock, von hautfarbener Seide unterlegt, aufgenommen werden: zarter, aber trainierter Körper in starkem Tricot. Man denkt an eine besondere Sorte von Working Girl des 19. Jahrhunderts, die Degas in Malerei und Skulptur verewigt hat: die Ballettmädchen, die durch hartes Training schwerelos scheinen. Ein bisschen fliegen kann man ganz ohne Training in diesem Sommer mit einem Kleid von Alaia.

Barbara Vinken hält einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft in München.

Monica Titton hat es ein Seidenkleid von Marc by Marc Jacobs angetan

Mein Lieblingskinderbuch handelt von der Maus Frederick. Während die anderen Mäuse im Sommer Vorräte für den Winter sammeln, lässt er es sich gutgehen und genießt das sonnige Wetter. Als im Winter dann irgendwann alle Nüsse und Körner fertig sind, ernährt wider Erwarten gerade der verträumte Synästhetiker Frederick die anderen Mäuse - und zwar mit den schönen Farben, Worten, Sonnenstrahlen und Träumen, die er den Sommer über gesammelt hat. Wenn ich diesen Sommer Erinnerungen für den nächsten, monochromatischen Wiener Winter (grau in grau) sammeln werde, möchte ich es in diesem wunderbaren Seidenkleid von Marc by Marc Jacobs tun. Der Schnitt ist eine unaufdringliche Reminiszenz an die Seventies, die Länge dementsprechend entspannt, das Material herrlich fließend. Die Farben könnten nicht sommerlicher sein: Riviera-Sonnenschirm-Orange, Plastikstuhl-Weiß, Strandmatten-Graubeige, strahlender-Himmel-Blau und Eis-am-Stiel-Gelb.

Monica Titton ist Wissenschafterin in Wien und schreibt über Konstruktion von Mode und Stil im Internet.

Peter Weisz steckt sich einen Ring von Sebastian Menschhorn an

Mein derzeitiges Lieblingsteil ist ein Ring aus 18 Karat Gold. Handgefertigt vom Wiener Juwelier Köchert und entworfen von Sebastian Menschhorn. Das Besondere an diesen Ringen sind die Sprüche, die mit Relieftechnik aufgearbeitet sind. Die Serie heißt "Am Anfang war die Liebe", und verzaubernde Sprüche wie "Stark wie der Tod ist die Liebe" oder sinnliche wie "Aus meinen Locken tropft die Nacht" bringen mich dafür zum Schwärmen. Mein ganz persönlicher Favorit ist "Geboren atmete auch ich die gemeinsame Luft" weil er so hintergründig klingt und eine kraftvolle und universelle Aussage hat. Die Sprüche entspringen alle einem der ältesten literarischen Werke, der Bibel, und klingen allesamt nicht fromm. Auch als Atheist kann man sich also an den wunderbaren Sprüchen begeistern! Mir gefällt auch das Konzept, dass man durch die Wahl des Spruchs eine Haltung einnimmt - nur viel subtiler als es bei der Wahl eines extravaganten Kleidungsstückes zutage kommt. Es ist eine ganz besondere Haltung - die zur Liebe.

Peter Weisz ist Designer in Wien. Zuletzt kleidete er Desirée Treichl-Stürgkh am Opernball ein.

(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/18/03/2011)