Foto: Ken Kirkwood, Gregory Gibbons

Für seine Ausstellung über Buckminster Fuller ließ Kurator Norman Foster das Dymaxion Car # 4 in Smaragdgrün nachbauen.

Foto: Ken Kilwood, Gregory Gibbons

Rechtzeitig zur Mondlandung erschien im Juni 1969 das Buch Operating Manual for Spaceship Earth von Richard Buckminster Fuller. Während die gesamte Welt gebannt zum Erdtrabanten Mond blickte, nahm Fuller bereits die Astronauten-Perspektive ein und appellierte ans Publikum, die Erde ganzheitlich wahrzunehmen und zu begreifen. Es ist einer der typischen Perspektivwechsel, mit denen Fuller (1895-1983) sein Publikum zu begeistern verstand. Eine Weltkarte, die die Verteilung der Land- und Seemassen, aber auch die Polkappen erstmals realistisch darstellte, war schon 1943 eines seiner Projekte.

Die Erde als Ganzes dachte er als Behausung, so wie das Haus eines Einzelnen. Zu Beginn der 1960er-Jahre, als Kennedy den Wettlauf zum Mond in Angriff nahm, rief Fuller eine weltweite Design-Initiative ins Leben. Er propagierte die Entwicklung einer Design-Wissenschaft, "die sich zumindest in den nächsten zehn Jahren" der Aufgabe zu widmen habe, "durch kompetentes, industriell produzierbares Design 100 Prozent der Menschheit mit den gesamten Ressourcen der Welt auf einem höheren Lebensstandard zu versorgen als bisher."

"Neu-Former" statt Reformer

Richard Buckminster Fuller stand für eine andere Sicht auf die Welt, er wollte Technik nutzbar machen, eingreifen zugunsten einer Dynamik der Erneuerung, in der mit weniger Materialeinsatz mehr zu erreichen sei. Er begriff sich nicht als Reformer, sondern als "Neu-Former".

Gleich zwei Ausstellungen im Marta, dem 2005 eröffneten Ausstellungsge- bilde von Frank O. Gehry im ostwestfälischen Städtchen Herford widmen sich nun dem Architekten, Designer, Kritiker und Visionär Fuller. Die eine, Bucky Fuller & Spaceship Earth, hat den Denker und Gestalter im Blick. Gesehen und interpretiert mit den Augen eines Fans, Freundes und gestalterischen Partners, denn als Kurator fungiert kein geringerer als der weltbekannte Architekt Norman Foster. 1971, zu Beginn von Fosters Karriere und auf dem Höhepunkt von Fullers, trafen die beiden zusammen. Buckminster Fuller und Foster verbanden gemeinsame Vorstellungen von der Umgestaltung und Verbesserung der Welt durch eine neuartige Architektur.

Gestaltung der Welt

Fuller wuchs in Massachusetts auf, seine Großtante war die bekannte Frauenrechtlerin Margaret Fuller. Seit 1740 hatten alle männlichen Mitglieder der Familie in Harvard studiert. Fuller Jr. aber flog gleich zweimal von der Universität. Später, mit über 60 Jahren, wurde er zum gefragten Vortragsreisenden, der die größten Hörsäle füllte.

Am Anfang aber stand die existentielle Krise: Fuller war 1927 als Geschäftsführer der Baufirma seines Schwiegervaters gescheitert. Ein Jahr lang zog sich Fuller zurück, plante, verwarf, suchte den Ansatzpunkt für seinen Beitrag zur Gestaltung der Welt. Einen "kosmografischen Ansatz des Wohnbaus" nennt sein Biograph Joachim Krausse, was Fuller anschließend schuf. Zeichnungen und Skizzen, ein persönlicher Weltplan, der auch biographische Ereignisse wie die Geburt seiner Tochter sechs Monate zuvor, vermerkte. Aber auch vertikale Strukturen vom Leuchtturm über das konstruktive Tragwerk bis zum Hochhaus zeichnet Fuller zu Beginn umfassender Entwurfsreihen und Ausarbeitungen. Seine Hausentwürfe sind nicht die üblichen Unikate eines Architekten, der sich langsam beweisen und etablieren muss. Sie sollten nach dem Vorbild der Autoindustrie als Serienprodukte im Großmaßstab hergestellt werden.

Aufgespießter Apfel

1948 schreibt der Spiegel über die Fuller'sche Hausplanung: Das erste Modell von 1927 sähe aus wie ein "auf einen langen Stab gespießter Apfel", ein "luftiges Gebilde mit eingebauten Möbeln, aber zu teuer." Aber nicht mit seinen industriellen Hausentwürfen, sondern mit "geo- dätischen Kuppeln" reüssierte Fuller. Bis 1954 entwarf und installierte er etwa 1000 davon, für unterschiedlichste Zwecke. Als Konzerthalle fanden sie Verwendung, aber auch das US-Militär nutzte sie und selbst Hippie-Kommunen bauten sie begeistert nach. Den bekanntesten geodätischen Dom errichtete Fuller 1967 als US-Pavillon für die Weltausstellung in Montreal.

Nicht nur fürs Bauen, auch für die beginnende Mobilität lieferte Buckminster Fuller grundlegend neue Beiträge. Wie die Häuser präsentierte er auch seine Autoentwürfe unter dem Begriff "Dymaxion". Das Kunstwort aus dynamisch, maximal und Ion hatte ein Werbetexter für Fuller entwickelt. Das Dymaxion Car, 1933 erstmals präsentiert, basiert auf einem herkömmlichen Ford-Motor. Durch seine effiziente Dreirad-Konstruktion mit Hinterradlenkung und Stromlinienkarosserie verbrauchte der im Heck montierte Ford-V8-Motor nur 7,8 Liter pro 100 Kilometer. Nach einem Unfall, bei dem der Fahrer zu Tode kam, hatte das Projekt keine Chancen auf Serienproduktion. Und doch beeinflusste das Dymaxion Car spätere Automodelle, vom ersten Fiat Multipla über den VW Bulli bis zu den ersten Vans.

Effiziente Konstruktion

Im Kontext der Ausstellung, die 2010 zuerst in Madrid gezeigt wurde, ließ Norman Foster nach alten Plänen und Zeichnungen von Buckminster Fuller ein neues Fahrzeug konstruieren. Anders als die ursprünglich silbern oder schwarz lackierten Prototypen, leuchtet das in Herford ausgestellte Dymaxion Car #4 in britischem Smaragdgrün.

Als eigener Beitrag des Marta Herford ist Wir sind alle Astronauten zu sehen. Die ergänzende Schau widmet sich unter Beteiligung namhafter Künstler dem "Universum Richard Buckminster Fuller im Spiegel zeitgenössischer Kunst". Ein naheliegendes Thema, da Fuller schon zu seinen Lebzeiten Künstler wie John Cage, Jasper Johns, Peter Smithson oder Jean Tinguely beeinflusste. (Der Standard/rondo/19/08/2011)