Statt Karomuster Computercodes: Die Künstlerin Margarete Jahrmann stattet klassische Burberry-Trenchcoats mit neuen Signalen aus.

Foto: Anka Nidzgorska

Farbstreifen auf einer Lederjacke: Bei Stephanie Mold wird aus einem Versehen Kunst.

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Heiko Bressnik überträgt Tattoos von der Haut auf Kleidungsstücke.

Foto: Bressnik

In dieser Wintersaison wird zur modischen Abwechslung wieder einmal der glamouröse Look der 1970er-Jahre vergegenwärtigt. Auf Facebook hatte H&M zuletzt einen Wettbewerb ausgeschrieben, in dem "my '70s style" gefragt war. Zu gewinnen waren zwei Tage in Paris, eine Stylingberatung und ein Gutschein, einzulösen in der Filiale der Modekette auf den Champs-Élysées. Cremefarbene Stoffe und bunt bedruckte Seiden, großkrempige Hüte und wadenlange Röcke, ausgestellte Hosen mit hoher Taille oder Schleifenblusen transportieren ihre Trägerin jedoch keineswegs zurück in Zeit und Raum.

Für die meisten, die an dem Preisausschreiben teilnehmen, bietet diese mehr als 30 Jahre zurückliegende Dekade ohnehin keine nostalgische Wärme. Beim Griff der Modeindustrie in die eigenen Archive geht es auch nicht darum, ein vergangenes Lebensgefühl neu zu inszenieren oder gar um kulturelle Gesten respektvoller oder auch kritischer Erinnerung. Würden die Stücke, die jetzt in den Auslagen hängen, nur historische Stile kopieren, wäre das keine schnelle und gefragte Mode mehr, sondern theatralisches Kostüm oder Verkleidung. Kaum im Mainstream angekommen, verliert sich die Macht des Modischen auch schon, und Neues muss her. Mode erfindet sich daher ständig neu, proklamiert ununterbrochen neue Stile, und die Modeindustrie schiebt ständig und ohne Unterlass Produkte nach, die laufend präsentiert, gekauft und wieder verworfen werden. Kurzum: Mode lebt von und wegen der ihr eigenen Kurzlebigkeit, und wer sie kauft und trägt, unterwirft sich dieser produktiven Dekadenz - oder auch nicht.

Der konstante Wechsel - intellektueller, ästhetischer und vor allem auch ökonomischer Reize unserer Konsumwelt - verbindet die Mode mit der Kunst als Zeichensystem von Vergänglichkeit. Doch die Kunst setzt im Unterschied zur Mode auf Bleibendes, selbst in ihrer flüchtigsten Form. Und dort, wo sie sich dem Modischen zuwendet, findet sie eine Herausforderung, sich ihrer eigenen Bedeutung und Beweglichkeit auf ein Neues zu versichern, mit nachhaltiger Ironie.

Sprechende Jacke von Stephanie Mold

So hat Stephanie Mold - die Künstlerin hat 2009 das Ö1-Talentestipendium für bildende Kunst erhalten - ihre Lederjacke bearbeitet. Versehentlich hatte sie sich mit dem guten und neuen Stück auf eine frisch gestrichene Parkbank gesetzt. Zurück blieb ein weißer Farbstreifen und dennoch keine verdorbene Jacke. Die Künstlerin griff zu Nadel und Faden und versah so den offensichtlichen Makel mit einem witzigen Kommentar. So scheint die Jacke nun zu ihren Betrachtern zu sprechen und ohne Umschweife zu erklären, warum sie einen hellen breiten Fleck auf dem Rücken trägt: "Sat on a bench."

Mit der genauen Stickerei, gestalterisches Medium auch anderer Arbeiten Molds, rechtfertigt sich das Kleidungsstück für seinen augenscheinlichen Fehler, spricht gewissermaßen zum Publikum und wird zu einem künstlerischen Werk aufgewertet, das zwar von Vergänglichkeit bedroht sein kann, jedoch nicht davon, unmodern zu werden.

Auch Margarete Jahrmann spielt in ihrem künstlerischen Zugriff auf Modisches mit der Aussagekraft von Kleidern. Nicht zufällig hat die Künstlerin und Theoretikerin, die Game Design in Wien und Zürich lehrt, klassische Burberry Trenchcoats mit neuen Signalen ausgestattet. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weg vom markanten Karomuster der Markenware hin zu neu applizierten Computercodes, die hinter die modische Oberfläche führen und die vertrauten, ja fast schon strapazierten Logos regelrecht unterlaufen.

Wer nicht nur einen Blick auf den Mantel wirft, sondern sich den "AAA Profiler" der Künstlerin aufs iPhone lädt und das Kleidungsstück mit der Handykamera betrachtet, dem öffnet sich eine zweite Ebene, eine schnelle Verbindung vom öffentlichen Raum der Straße ins ewige Gedächtnis des Internets. Die Aufforderungen am Mantel verbinden sich mit der Trägerin, die offenbar eine geheime Botschaft transportiert und nicht die ist, die sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Doch überzeugen Sie sich einfach selbst!

 Tattoos auf Herrenhemden bei Heiko Bressnik

Der in Wien und Berlin lebende Künstler Heiko Bressnik, in Wien waren seine Arbeiten zuletzt in der Galerie SongSong zu sehen, lässt Zeichen auf Kleidungsstücken erscheinen, die nicht in den virtuellen Raum verweisen. Sie thematisieren vielmehr die sozialen Realitäten, die durch Kleidungsstücke ganz unmittelbar entstehen. So bittet er tätowierte Menschen, in von ihm ausgewählte Hemden zu schlüpfen. Die Bilder auf der Haut scheinen durch den Stoff hindurch und werden vom Künstler nach außen übertragen. Doch ist das Resultat nicht einfach eine getreue Kopie des Tattoos, sondern eine Zeichnung, die die persönliche Interpretation des Künstlers wiedergibt und zeigt, was ihm an einer Vorlage speziell ins Auge fällt.

Zwei höchst gegensätzliche Codes überlagern sich hier: zum einen das helle Herrenhemd als Teil einer Uniform, die aussagt, dass die meisten, die sie tragen, damit vorgegebenen Dresscodes folgen oder auch folgen müssen, und zum anderen die Tätowierung, die bei aller Popularität doch immer noch klarmacht, dass man gesellschaftlichen Vorgaben oder Zwängen, wenn vielleicht nicht mit Skepsis, so aber doch nur ungern begegnet. So modisch oder zumindest akzeptiert Tätowierungen längst sein mögen, lassen sie sich doch auch als Spuren archaischer Rituale lesen, in denen es darum geht, Identität mit Ernst und Konsequenz, diesseits modischer Oberflächen, zu behaupten.

Die künstlerischen Strategien der Bearbeitung spielen mit den Widersprüchen der Mode, die sich immer neu erfindet und als ein sich ständig änderndes System von Codes und Zeichen unsere gegenseitige Kommunikation mitbestimmt. Kleider bieten Mittel und Methode für alle, sich kreativ zu erfinden, Geheimes zu verbergen und Gewünschtes preiszugeben. Die Künstlerinnen und Künstler, die so mit Mode umgehen, machen aber auch klar, dass es über die Mode und das, was sie uns bedeutet, immer noch viel zu lernen gibt. (Brigitte Felderer/Der Standard/rondo/16/09/2011)