In der Abschlusserklärung der vor kurzem abgehaltenen Holocaust-Konferenz in Stockholm forderten die Vertreter der 46 Teilnehmerstaaten unter anderem die Öffnung aller weltweit vorhandenen Archive über die Vernichtung der Juden und anderer verfolgter Gruppen. Weiters wurde auf dieser Konferenz die Einrichtung eines Fonds für entsprechende internationale Kooperationsprojekte beschlossen.

Heute im Rückblick auf das letzte Jahrhundert, einem Jahrhundert der Verbrechen und der Intoleranz, haben wir in der Tat die moralische Verpflichtung, nachfolgende Generationen über den Holocaust aufzuklären. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass heute viele junge Menschen oft nur sehr lückenhafte Kenntnisse über die Judenvernichtung haben und über den langen Weg hin zum Holocaust.

Eben genau aus dieser Erkenntnis heraus habe ich auch die Idee eines "Hauses der Geschichte" im Palais Epstein entwickelt, die bedauerlicherweise an parteipolitischem Gezänk und Ideologisierung des Projekts zu scheitern droht.

Gerade als Überlebender des Holocaust war ich immer der Meinung, dass Wien dringend ein international genutztes Zentrum der Dokumentation benötigt, in dem junge Menschen einander begegnen, um gemeinsam Erinnerungsarbeit zu leisten, aber auch die Ursachen erforschen, die zum Holocaust geführt haben. Ein Haus, das sich aber nicht allein mit dem Holocaust beschäftigen sondern auch eine Institution der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sein soll. Ein Haus, das auch als Brückenkopf in der Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Partnern aus den ehemaligen habsburgischen Ländern Ost- und Südosteuropas sowie aus Israel und den USA fungiert.

Gerade jetzt, angesichts der bevorstehenden Regierungsbeteiligung der FPÖ, würden wir ein "Haus der Geschichte" benötigen, als Signal nach außen, dass wir dennoch bereit sind, uns der Geschichte zu stellen.

Beschämende Haltung

Als Überlebender des Holocaust habe ich jahrelang auf eine Annäherung an eine Normalität in Österreich gehofft und meine Arbeit ganz in diesem Sinn gestaltet. In Tagen wie diesen muss ich leider erkennen, dass Österreich weiter denn je von diesem erhofften Zustand entfernt ist, denn die FPÖ ist nunmal keine normale Partei, und bei einem Wechsel zu Schwarz-Blau handelt es sich keinesfalls um einen normalen Regierungswechsel.

Es ist mir unerklärlich, wie der Vorsitzende einer Partei, die sich angeblich programmatisch zur christlichen Nächstenliebe bekennt, mit einer Partei koalieren kann, die dem völlig widerspricht, und die es zu ihrer Politik gemacht hat, Menschen gegeneinander auszuspielen und bestehende Vorurteile noch fest zu schüren. Vergessen sind Haiders ambivalentes Verhältnis zu Österreichs NS-Vergangenheit, vergessen der menschenverachtende Wahlkampf, den die FPÖ in Wien geführt hat.

Ich für meinen Teil werde jedenfalls niemals jenen denkwürdigen 1. Oktober im Vorjahr vergessen, als am Stephansplatz Spitzenfunktionäre der FPÖ versuchten, an die niedrigsten Instinkte der versammelten Menschen zu appellieren.

Wolfgang Schüssel als Kanzler in spe wird dieser Tage nicht müde zu betonen, dass Österreich ein demokratischer Staat ist und gibt sich als Garant für die Einhaltung der Menschenrechte in Österreich aus. Es ist schon beschämend, wenn ein österreichischer Politiker in einer ersten gemeinsamen Pressekonferenz mit Haider vor dem Ausland betonen muss: "Jeder Mensch, der zu uns kommt, hat die gleiche Würde - ob als Tourist, als Fremdarbeiter oder als Flüchtling." (Warum er ausgerechnet diese Reihung vorgenommen hat, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren.)

Nun sind die künftigen Koalitionspartner erbost und verwundert, dass sich die Spitzen Europas vehement gegen eine Regierungsbeteiligung der FPÖ stellen und mit drastischen Sanktionen drohen. Die ÖVP glaubt jetzt mit einem "Bekenntnis zur Vergangenheitsbewältigung", was immer auch das sein mag, die besorgten Europäer beruhigen zu können. Man will einfach nicht verstehen, dass man die Aussprüche Haiders nicht vergessen kann.

Unangebrachte Reflexe

Dass ausgerechnet Haiders Stellvertreterin Frau Riess-Passer sich für einen Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter ausspricht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hat doch Haider seinerzeit die "ordentliche Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs" ausdrücklich gelobt.

Die Europäische Union ist nicht bloß eine Wirtschaftsgemeinschaft. Sie ist vor allem ein Wertesystem, eine Gemeinschaft von Staaten, die sich zur Einhaltung der Menschenrechte bekennt und jede Form von Totalitarismus, Rassismus und Verletzung von Minderheitenrechten kategorisch ablehnt.

Österreich ist Teil dieses Europa. Österreich ist Mitglied der Europäischen Union und hat sich durch seinen Beitritt zu diesen Werten bekannt. Es ist daher völlig unangebracht, mit Reflexen wie in Waldheims Zeiten zu reagieren, nach dem Motto: Wir lassen uns nichts drein reden.

Am 7. Mai 2000 werden die Wiener Philharmoniker im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen Beethovens neunte Symphonie spielen. Mauthausen ist Symbol für die Erniedrigung und Entmenschlichung durch Zwangsarbeit. Über 100.000 Gefangene wurden in Mauthausen und in den 49 Nebenlagern ermordet. Mauthausen war ein "europäisches Konzentrationslager", da Häftlinge aus fast allen europäischen Nationen inhaftiert waren.

Den Anfängen wehren

Der 7. Mai 2000 sollte zu einem Bekenntnis Österreichs, zu einem Dialog über alle religiösen und kulturellen Grenzen sein, zu einer Politik des Miteinanders, einer Politik, die keine Chancen für neuen Hass und neue Feindbilder bietet.

Folglich betrachte ich es als wichtigsten Auftrag, der Jugend von heute zu vermitteln, nicht erst dann zu handeln, wenn es bereits zu spät ist. Am Anfang standen die Worte. Worte der Ausgrenzung, Worte der Intoleranz und des Hasses. Das Ende war Auschwitz, Mauthausen ...

Ein Teil Österreichs will bis heute nicht begreifen, dass es immer noch an seinem Umgang mit den Schattenseiten seiner Vergangenheit gemessen wird.

Leon Zelman, 1926 im polnischen Lodz geboren, KZ-Überlebender, ist Präsident des Jewish Welcome Service Vienna.