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Das Geheul der Hunde ist zum Erbarmen, das eigene Wort kaum zu verstehen. Und da sie noch dazu wie toll an ihren kurzen Ketten zerren, könnte man meinen, einen ernsten Fall für Edith Klinger oder Vier Pfoten vor sich zu haben. Doch es sind bloß zwei Dutzend Sibirischer Huskys, die an den Stake-outs, gut im Schnee verankerten Leinen, ungeduldig darauf warten, endlich vor den Schlitten gespannt zu werden.

Wofür es zwei Personen braucht, denn die Hunde sind zwar äußerst zutraulich, aber trotzdem kaum zu bändigen. Hat man sie erst einmal eingespannt, dann steigt das kollektive Gejaule noch einmal um ein paar Dezibel; das Gezerre an den Schlitten, die an einem Pflock festgezurrt sind, wird immer heftiger. Dann, endlich, wird einer nach dem anderen losgemacht.

"Mush go!"

Auf den beiden Hinterkufen des Schlittens stehend feuern die Kursteilnehmer die Hunde mit "Mush go!" an, dem am Vorabend eingelernten Startkommando für die Hunde. Sie hätten sich ihre Anfeuerungen genauso gut sparen können, denn mit stierem Blick nach vorne wollen die Hunde ohnehin nichts anderes als laufen und dabei einen Schlitten ziehen. Und ab geht die Hundepost!

Es sind nicht die Wälder Alaskas oder Sibiriens, wo sich diese Szenen wie aus einem Roman von Jack London abspielen, sondern das südböhmische Naturschutzgebiet Novohradské Hory, dicht an der österreichischen Grenze. Dort, in der Nähe der Ortschaft Bene¸sov nad ¸Cernou, betreibt Jan Ochozka sein abgelegenes Husky-Camp, bestehend aus einem umgebauten Bauernhof mit ein paar Pferden sowie seinen 40 Sibirischen Huskys.

Eigentlich arbeitet der 57-jährige Husky-Freak ja als Ökonom in Budweis, und bis vor zwei Jahren unterrichtete er in der rund 50 Kilometer entfernten Stadt Rechnungswesen. Seine ganze Leidenschaft gehört aber dem Hundeschlittensport, den er seit rund einem Jahrzehnt betreibt. Und das ist kein ganz billiges Hobby: Seine 40 reinrassigen Hunde verfressen pro Monat 300 Kilogramm Fleisch und 400 Kilogramm hochwertiges Trockenfutter.

Nebenerwerbsquelle

Auch aus diesem Grund hat er seine Huskys zur Nebenerwerbsquelle gemacht: An Wochenenden im Winter gibt er Schlittenhundeführerkurse und bildet dort bis zu zehn Anfänger zu "Mushern" aus, wie die Lenker dieser Hundegespanne im Fachjargon heißen. Wahrscheinlich leitet sich der Begriff vom französischen "marcher", also von "gehen" bzw. "laufen" ab.

Gehen bzw. laufen müssen nicht nur die Hunde. Wenn es ganz steil nach oben geht oder der Schnee sehr tief ist, helfen auch die Musher mit und schieben. Bei guten Schneeverhältnissen und eher leichtgewichtigen Lenkern sind die Vierbeiner auch bei Steigungen noch mit flotter Gehgeschwindigkeit unterwegs. Geht es allerdings bergab, dann schaffen die dahinjagenden Huskys 40 Stundenkilometer und mehr, inklusive Schlitten und Musher hintendran. Aber richtige Musher sind die Greenhorns ja noch nicht.

Am Vorabend wurden bei Ochozkas Einschulung zwar die Kommandos "Gee" (sprich bzw. schrei: Dschi) für nach rechts, Haw (schrei: Ho) für nach links und "Mush go!" für vorwärts gelernt, dazu noch ein rollendes "Rrrrrr", um die Hunde zu stoppen. Doch als das wichtigste und wirksamste Steuerungsinstrument erweisen sich in der Praxis die drei verschiedenen Bremsen am Schlitten. Denn für unsere Kommandos sind die Huskys nicht wirklich empfänglich, sie sind ziemlich stur auf "Mush go!" programmiert.

Und leider helfen auch die Bremsen nicht immer. So machen einige Schlitten bei der ersten wirklich rasanten Tiefschneeabfahrt über eine lang gestreckte Wiese nicht das, was die Hunde vor ihnen machen, nämlich eine leichte Kurve nach links. Bleiben zwei Optionen: entweder mit dem Ding umkippen oder unfreiwillig abspringen. Letzteres ist ein schwerer Fehler, wie sich wenige Augenblicke später herausstellt: Denn die Hunde laufen mit dem plötzlich leichteren Schlitten noch schneller weiter als bisher - und für einen Menschen uneinholbar.

Nicht irgendein Musher

Ein Glück nur, dass der an der Spitze fahrende Hundeschlittenlehrer die Huskys stoppen kann. Jan Ochozka ist auch nicht irgendein Musher: Er ist der regierende Europameister im "Long Trail", einem Bewerb, bei dem in vier Tagen über 240 Kilometer zurückgelegt werden. Hunde aus dem siegreichen, 14-köpfigen Team laufen auch in den fünf Fünfergespannen, die den Neoschlittenführern zugeteilt wurden. Dass die gleich beim ersten Mal mit einem eigenen Schlitten unterwegs sind, ist auch deshalb möglich, weil die Sibirischen Huskys von Natur aus nicht nur besonders zäh und widerstandsfähig sind, sondern - im Umgang mit Menschen - auch überaus anhänglich und ohne jede Aggression. Das ist es schließlich auch, wofür sie von Menschen gezüchtet wurden und werden: Über viele Jahrhunderte bildeten Mensch und Tier in der Polarregion eine Schicksalsgemeinschaft, das gemeinsame Überleben hing vom Erfolg bei der Jagd ab.

Doch wehe, wenn sie unbeaufsichtigt losgelassen werden. Dann erwacht der wölfische Urinstinkt, den Jack London in seinem Roman Ruf der Wildnis vor hundert Jahren so eindrucksvoll beschrieb. Und Jan Ochozka erinnert sich nur ungern daran, wie einige seiner Hunde vor vielen Jahren ausbüxten und im Nachbardorf einfach alle Hühner, Ziegen und Schweine totbissen. Die Rechnung der Bauern kam ihn teuer zu stehen. Seitdem jedenfalls jagen seine Huskys nur mehr mit bemannten Schlitten im Schlepptau durch die Gegend. Was zudem einige Touristen-devisen bringt. (Der Standard/rondo/19/03/2004) Informationen unter www.volny.cz/husky-dream