Wir schenken Ihnen den Auftakt zu 50 Wochen Lese-Freude-Sammel-Vergnügen mit Band 1 der Süddeutsche Zeitung /Bibliothek

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Am heutigen Samstag erscheint der erste Band der "Süddeutschen Bibliothek": 50 große Romane des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von der Feuilletonredaktion der "Süddeutschen Zeitung". Im STANDARD werden einführende Texte die Publikation der Bücher begleiten. Heute vom SZ-Literaturchef Thomas Steinfeld.

Wann je ist so viel Leichtigkeit auf so viel Schwierigkeit gestoßen? Milan Kundera erzählt in diesem Roman eine der bittersten Geschichten des zwanzigsten Jahrhunderts, er berichtet vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, vom Ende des Prager Frühlings und von der Wiederkehr eines stalinistischen Regimes. Aber er tut es mit einer solchen Eleganz und Finesse, dass der Leser nie genau weiß, woran er in diesem Buch ist: Dies ist keine Klage über das brutale Ende einer schönen Hoffnung, aber ist es eine Huldigung an das Leben im Privaten?

Dieser Roman handelt von der Liebe, aber wird hier einer glücklich? In diesem Buch geht es um den Enthusiasmus als Quelle allen politischen Elends, aber ist hier einer, der nicht enthusiastisch wäre, und sei es, weil er liebt?

Dieses Buch, auf Deutsch zuerst im Jahr 1984 erschienen, ist eines der großen Monumente einer erst vor kurzem vergangenen Zeit. Unsere Erinnerungen an den Prager Frühling sind eng mit diesem Roman verbunden. Der Erfolg, den es unmittelbar nach seiner Veröffentlichung hatte, ist an den Schrecken und an den Schmerz geknüpft, den die Niederschlagung eines Kommunismus mit menschlichem Gesicht auslöste, nicht nur im westlichen Ausland – und an das wehmütige Erstaunen, dass es zwanzig Jahre zuvor in Prag Menschen wie Tomas, Teresa und Sabina gegeben haben muss, und Lebensverhältnisse, wie sie ein französischer Regisseur hätte schildern können: Tomas, der Chirurg, schläft mit allen Frauen. Teresa, die Kellnerin, liebt nur ihn. Sabina hat ein Verhältnis mit Tomas und wird beinahe Teresas Geliebte. Franz ist Sabinas Geliebter. Seine Frau liebt nur ihn. Ist das eine Geschichte?

Tomas und Teresa, die Fotografin, müssen erleben, wie sowjetische Panzer in Prag einrollen. Sie gehen ins Exil, in die Schweiz, doch die Heimat liegt woanders. Zurückgekehrt, darf Tomas kein Arzt mehr sein, und Teresa arbeitet wieder als Kellnerin. Am Ende sind sie Bauern, und auf dem Land finden sie einen ländlich tragischen Tod. Ist das eine Geschichte?

Tomas, der Chirurg, ist ein Meister der freundlichen Distanz. Teresa, die Frau, hätte vielleicht gern eine Familie. Eine gewalttätige Politik zerschlägt ein jedes dieser Leben. Ist das eine Geschichte?

Offenheit ist das Ideal dieses Romans, wenn es denn eines gibt, und die große Kunst von Milan Kundera besteht darin, in dieser Offenheit eine milde, ja menschenfreundliche Spannung zu bewahren.

Seit dem ersten Erfolg dieses Buches ist Europa groß geworden, und Tschechien gehört dazu. Die Literatur und die anderen Künste sind, wie man heute weiß, dieser Einigung vorausgegangen. Jetzt ist die Zeit, um zurückzuschauen auf die Bestände, sich daran zu erinnern, wie es war, als es zwar eine kulturelle Vergangenheit Europas gab, aber kaum eine Zukunft. Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ist ein solchermaßen europäisches Werk – auch, weil es ein Roman über Grenzgänger ist, in der Politik wie in der Liebe. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.3.2004)