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Ed Fagan

Foto: Reuters
Welche Rolle spielten die österreichischen Banken beim NS-Kunstraub? US-Staranwalt Ed Fagan, der am Donnerstag in Wien eine Pressekonferenz gibt, kündigt im Gespräch mit Thomas Trenkler eine millionenschwere Klage an.


"Es war ein Schock", sagt Joram Deutsch. Mitte November 2003 besuchte der Schweizer Staatsbürger, 1944 in Israel geboren, in New York auch das Metropolitan Museum. Und er traute seinen Augen kaum, als er in der El-Greco-Sonderausstellung vor einem Bild stand, das der Schlüssel zu einem besonderen NS-Raubkunstfall sein könnte: der Fall Hatvany.

Joram Deutsch ist zwar kein Erbe, aber dennoch Betroffener: Sein Vater Hans war der erfolgreichste Restitutionsanwalt der Nachkriegszeit in Deutschland. Und vielen ein Dorn im Auge: Die Behörden beschuldigten ihn, im Fall Hatvany (mehr dazu hier) widerrechtlich Wiedergutmachungsbeträge kassiert zu haben. Deutsch wurde 1964 festgenommen und saß 19 Monate in U-Haft. Zu Unrecht. 1973 wurde er freigesprochen. Der Ruf aber war ruiniert.

"Dieser Fall begleitet mich nun schon seit 40 Jahren", sagt Joram Deutsch. Flugs rief er Edward D. Fagan an; und der Staranwalt versuchte, das Bild beschlagnahmen zu lassen.

Doch ihm gelang nicht, was Staatsanwalt Robert Morgenthau geglückt war, der am 7. Jänner 1998 zwei Schiele- Gemälde aus der Sammlung Leopold beschlagnahmen ließ (die Wally befindet sich noch immer in New York): Das Bild, das den Berg Sinai darstellt, ging direkt zurück ins Historische Museum von Heraklion, der Hauptstadt Kretas, in deren Nähe El Greco, der Grieche, geboren worden war.

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Der "Berg Sinai" von El Greco: Dieses Bild gehörte einst Ferenc Hatvany; 1944 wurde es von der SS geraubt - und in den 80ern am Naschmarkt zum Kauf angeboten. Sotheby's brachte es nach London. Seit 1988 befindet sich das Bild im Historischen Museum von Kreta.

Ed Fagan aber war aufgestachelt. Und er stieß bei seinen Recherchen auf Wien. Denn Wien diente als Umschlagplatz für das geraubte Gemälde: In den 80ern wurde es dem im Vorjahr verstorbenen Maler Georg Chaimowicz auf dem Naschmarkt zum Kauf angeboten. Er erkannte es und erstattete Anzeige. Vergeblich. Ein paar Jahre später wurde es in Wien von unbekannt bei Sotheby’s eingebracht: Das Aktionshaus transportierte das Bild - mit Wissen und Erlaubnis des Denkmalamts? - nach London, wo es 1988 nach Heraklion verkauft wurde. Andrea Jungmann von Sotheby’s Wien sagt, es gebe keine Unterlagen mehr: "Das Bild wurde anscheinend nicht als Problemfall angesehen."

Im Zuge der Recherchen stieß Fagan auf einen ehemaligen Mitarbeiter der Creditanstalt. Dieser fertigte einen Lageplan des Hauptgebäudes an und gab zu Protokoll (siehe Faksimile), dass in den Tresorräumen "vor oder während des Zweiten Weltkriegs" bei der Bank "Besitztümer einschließlich Gemälde, Koffer und andere Dinge" eingelagert wurden, die "teilweise nie zurückgegeben wurden".

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Geheimnisvolle "Verwahrstücke": Dieses Schriftstück eines ehemaligen Creditanstalt- Mitarbeiters - den Namen gibt Ed Fagan (noch) nicht bekannt - ist mit 22. März 2004 datiert.

Fagan fragt sich daher, welche Rolle die CA und andere österreichische Banken in der NS-Zeit im Zusammenhang mit Raubkunst spielten. Er habe, sagte er zum STANDARD, alle Vereinbarungen zur Entschädigung der NS-Opfer studiert, die Kunstwerke seien aber in keiner behandelt worden.

Fagan gründet AHVRAM

Am Donnerstag, 1. April, um 10 Uhr, gibt Fagan im Café Landtmann eine Pressekonferenz. Er wird die Gründung von AHVRAM, einer weltweiten Organisation von Holocaust-Opfern zur Rückerstattung von Kunstwerken, bekannt geben. Diese "Association of Holocaust Victims for Recovery of Artwork Masterpieces" werde einen Multi-Millionen-Dollar-Prozess in den USA gegen die Bank Austria, die Erste und andere österreichische Banken zur Entschädigung oder Restituierung von gestohlenen Kunstwerken einbringen.

Zudem werde sie die österreichische Regierung auffordern, sämtliche Dokumente auszufolgen, die den Transport oder die Übergabe von gestohlenen Kunstwerken an Privatpersonen, Museen, Regierungen und Auktionshäuser weltweit ermöglichten.

Peter Thier, Pressesprecher der BA-CA, beteuert: "Die Aussage des angeblich ehemaligen Mitarbeiters ist für uns nicht nachvollziehbar. Es gibt im Keller des Hauptgebäudes keinen Tresorraum, auf den die Beschreibung passt. Alle Tresor- und Depoträume wurden im Zuge des Holocaust- Vergleichs von einer internationalen Historikerkommission in den vergangenen zwei Jahren gesichtet und untersucht. Sach- oder Wertgegenstände wurden keine gefunden." Zudem habe der Historiker Oliver Rathkolb keine Dokumente finden können, die darauf hinweisen würden, dass in der NS-Zeit Kunstwerke gelagert wurden. Die BA- CA sei selbstverständlich an einer Aufklärung interessiert.

(DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2004)