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Verlockende preisgünstige Angebote gibts jetzt auch schon bei den Frauenreisen.
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Farmerinnen in Vietnam...
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Geworben wird mit unterschiedlichen Mitteln und die Angebote richten sich an Frauen in differenten Lebensphasen und -perspektiven. Ob frau jung oder älter, Single, Lesbe, Ehefrau mit oder ohne Kinder ist, die Botschaften der Reiseveranstalterinnen für Frauen gehen in zwei wesentliche Richtungen: zum einen die Verlockung, unter sich zu sein, die als Bedürfnis und spezielles Erlebnis - Frauen allein reisen anders - deklariert wird und zum anderen die Relax- und/oder Abenteuerschiene. Kaum ein Reisebüro kann es sich noch erlauben, auf ein gesondertes Frauenreise-Programm zu verzichten.

Doch was heute eine Selbstverständlichkeit darstellt und seit etwa zehn Jahren absolut im Trend liegt, war über Jahrhunderte für den Großteil der Frauen nicht möglich: weder das Reisen im Allgemeinen und schon gar nicht das alleine Verreisen im Besonderen.

Als Reisen noch als "männlich" galt

Denn sogar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem Zeitalter des in alle Teile der Welt vordringenden europäischen Kolonialismus, zu der ein wahrer Boom an (Forschungs-)Reisenden in fremde Länder strömte, war Reisen ein mehr oder weniger ausgesprochenes Vorrecht des mämnnlichen Geschlechts. Trotz des großen weiblichen Tabus hat es schon immer Frauen gegeben, die auf eigene Faust und unter schwierigsten Bedingungen ihre Reisen antraten. Neben den extremen Gefahren, denen diese Frauen ohne männliche Begleitung ausgesetzt waren - stellvertretend für viele seien hier Ida Pfeiffer, Alma Karlin, Maria Merian, Ida Hahn-Hahn und Mary Kingsley erwähnt - hatten sie mit immensen Diffamierungen zurecht zu kommen, die zuallerst auf eines abzielten: auf ihr Geschlecht.

Diffamierungen: Fahrende Frauen sind Huren

Bereits aus dem vierten Jahrhundert ist ein Bericht einer reisenden Frau aus Jerusalem überliefert, in dem es heißt, dass über ihre Aufmachung, ihre stolze Haltung und ihre Unvorsichtigkeit getuschelt worden sei. Fahrende Frauen wurden mit Ausschweifung, Ketzerei, Sittenlosigkeit und Prostitution gleichgesetzt. Im achten Jahrhundert wurde sogar ein Verbot erwogen, das in einem Schreiben an den Bischof Cuthbert von Canterbury aus dem Jahr 747 zum Ausdruck kommt: "Zur Minderung der Schmach würde dienen, wenn eine Synode und euere Fürsten den Weibspersonen und verschleierten Frauen die häufigen Reisen nach Rom verböten; denn viele gehen dabei (sittlich) zugrunde..."

Sinn und Zweck dieser Degradierungen diente in erster Linie dazu, die Geschlechtsgenossinnen vor solcherart Aufbrüchen abzuhalten. Denn das patriarchale Frauenbild - egal ob jenes des vierten oder des 19. Jahrhunderts - zeichnet sich mit kleinen Abweichungen auf die Reduktion der Frau zur Mutter, Hausfrau und Schoßhündchen des Familienvorstandes aus, dem eine selbständig reisende - d.h. aufbrechende Frau - die größte Bedrohung war.

Angesichts der etymologischen Bedeutung des Wortes "reisen", das vom althochdeutschen "risan" stammt und gleichzusetzen ist mit aufstehen, sich erheben, aufbrechen (zu kriegerischer Unternehmung) wird klar, dass fahrende/reisende Frauen einen Kampf durchzustehen hatten gegen Ideologien und daraus resultierende Verhinderungs- und Diffamierungskampagnen.

Abschreckungen und Verhinderungen

Doch die Problematik, der sich entschlossene Frauen gegenüber sahen, zeichnet sich als vielschichtig ab. Abgesehen von der primären Tasache, dass sie unter der Vormundschaft eines Mannes standen - des Vaters oder des Ehemannes - der diese Unternehmungen durch Verbote verhindern konnte, betraf Hürde zwei die notwendigen Empfehlungsschreiben, Passierscheine und Pässe. Dann galt es noch die Beschaffung von Geld zu organisieren, was sich ebenfalls als äüßerst schwierig erwies, da die meisten Frauen aufgrund ihrer "Unmündigkeit" über keine eigenen finanziellen Mittel verfügt haben und darüber hinaus bis in die jüngste Vergangenheit nur als beschränkt geschäftsfähig galten.

Im 17. und 18. Jahrhundert fungierten überdies Schriften über die Kunst des Reisens als Abschreckungs-Strategie für Frauen. Denn an die Reisenden wurden derart hohe Bildungs-Kriterien gestellt, welche Frauen aufgrund ihrer systematischen Ausgrenzung aus dem Schul- und Studienbetrieb niemals aufweisen konnten. So heißt es in einer Apodemik aus 1791 wie folgt: "Von folgenden Künsten und Wissenschaften ist es unumgänglich nothwendig, daß eine Reisender sich Kenntnisse erwerbe: 1. Gestzgebung, 2. Naturgeschichte, 3. Mineralogie, 4. Metallurgie und Chemie, 5. Mechanik., 6. Hydrostatik, Hydraulik und Architektur, 7. Perspektive, 8. Erdbeschreibung, 9. Navigation und Schiffsbaukunst, 10. Ackerbau, 11. Sprachen, 12. Arithmetik, 13. Zeichnen, 14. eine lesbare und geschwinde Hand, 15. Schwimmen, 16. oberflächliche medizinische Kenntnisse, 17. Musik, 18. Geschmack, 19. Menschenkenntnis, 20. Kenntnis des vaterländischen Staates, 21. vorläufige Bekanntschaft mit den Ländern, die man besuchen will".

Frauen reis(t)en anders

Diese abstrusen Anforderungen verhinderten, dass für die Mehrheit der Frauen bis ins 20. Jahrhundert hinein große Reisen nicht in Frage kamen. Die wenigen, die es trotzdem wagten, brachen erst in relativ fortgeschrittenem Alter - nach der Kinderaufzucht oder dem Tod des Ehemannes - zu ihrer ersten großen Fahrt auf. Und die meisten dieser (Forschungs)Reisen unterscheiden sich ganz wesentlich von jenen der Männer: "Frauen leiten weder großangelegte Expeditionen, noch entdecken sie den Europäern ihrer Zeit unbekannte Kontinente, ..., sie sind nicht als Eroberinnen oder Kauffrauen unterwegs und eher selten als Spioninnen, Diplomatinnen oder Missionarinnen ... Dennoch - vielleicht aber auch deshalb - sind viele der von Reidedinnen hinterlassenen Schriften noch immer faszinierend zu lesen." (Quelle: Lydia Potts (Hg): Aufbruch und Abenteuer. Frauen-Reisen um die welt ab 1785, Frankfurt 1995) (red)