Halbwüchsige junge Männer haben es heute schwer, Orientierung zu finden - weil in den Familien männliche Vorbilder (oder auch Gegenbilder) fehlen. Der Historiker Wolfgang Schmale beleuchtet, dass die Suche nach "neuen männlichen Identifikationsmöglichkeiten" schon seit mindestens vier Jahrzehnten andauert - und dabei tendenziell schwieriger geworden ist, weil auch noch die Identifizierung von Männlichkeit und Beruf wegfällt; und zwar nicht nur durch die Öffnung der Berufswelt für Frauen, sondern auch durch Erlebnisse des Versagens und Arbeitslosigkeit.

Im langen Betrachtungszeitraum des Buches wird deutlich, dass "Männlichkeit im Unterschied zu Weiblichkeit zu markieren . . . schwieriger" wird. Da hilft es nicht einmal, fiktiven Idealbildern nachzueifern, etwa indem man versucht, den in den Medien als Vorbild verkauften muskulösen, kräftigen, "effektiven" Körper durch Training und Diäten zu erreichen: "Zu den auffälligsten Befunden zählt im Übrigen, dass Frauen diesen Idealkörper in großer Mehrheit ablehnen."

Tröstlich daran ist, dass Männlichkeitsideale der früheren Jahrhunderte - festgemacht etwa an den sieben Tugenden (Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit, Glaube, Liebe und Hoffnung) - wohl ähnlich schwer zu erfüllen waren. Schmale belegt, dass Männer wie Benvenuto Cellini und Albrecht Dürer mit ihrem Männlichkeitsverständnis ebenfalls gerungen haben. Erhellend sind die Beschreibungen, nach denen Männer auch in früheren Jahrhunderten keineswegs unumschränkt "Herr im Haus" waren - weil etwa im 16. Jahrhundert strenge Regeln bestimmten, was Sache (und Einkommen) der Hausfrau war. (DER STANDARD, Printausgabe 15.04.2004)