Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: Archiv
Vor knapp eineinhalb Stunden haben wir Puerto Madryn an der argentinischen Atlantikküste verlassen. Die Hauptstadt der Provinz Chubut liegt an jener Stelle, wo im 16.Jh. der Weltumsegler Magellan an Land gegangen ist.

Wir fahren rund 100 km nach Norden, durch eine trockene, flache und windgepeitschte Gegend, in der sich nur vereinzelte Schaf-Farmen befinden. Einige Guanacos, lamaartige, für diese Region Argentiniens typische Tiere, sehen wir immer wieder zwischen den trockenen und dornigen Büschen. Über eine nur sieben Kilometer breite Landbrücke zwischen dem Golfo Nuevo und dem Golfo San José führt die Bundesstraße 2 auf die Halbinsel Valdés.

Mehr als 3600 km² ist dieses einzigartige Naturschutzgebiet groß, das Reserva Faunística Península Valdés. Vorbei an der tiefsten Stelle Südamerikas, der Salina Grande mit 45 m unter dem Meeresspiegel, geht es über eine Sandstraße 70 km ans Südende von Valdés, nach Punta Delgada.

Nicht weit vom Leuchtturm entfernt treffen wir an den Steilklippen auf die erste Seelöwenkolonie. Auch einige See-Elefanten liegen etwa 50m unter uns am schmalen Kies-Strand. Ihr lautes Gebell ist sehr gut zu hören. Nur fünf Kilometer weiter, bei der Landzunge von Caleta Valdés, kann man direkt an den Strand hinunter. Park-Ranger passen jedoch auf, daß niemand den gewaltigen See-Elefanten zu nahe kommt. Es ist übrigens die einzige Kolonie der bis zu drei Tonnen schweren Kolosse am südamerikanischen Kontinent. 52.000 See-Elefanten gibt es auf Valdés, davon sind etwa 11.000 Jungtiere.

Doch neben diesen Giganten hat der Nationalpark noch ein Naturwunder ganz besonderer Art zu bieten: die Versammlung der größten Säugetiere der Erde, der Wale. Jedes Jahr von Anfang Oktober bis Anfang Dezember kommen die Balenas Francesas, die Bartenwale, hierher zur Paarung. Der fast kreisrunde Golfo Nuevo, der nur durch einen schmalen Zugang zum Meer erreichbar ist, bietet den Tieren eine überaus geschützte Lage. Hier sind sie vor ihrem einzigen Feind, dem weißen Hai, sicher.

Wer beobachtet wen? Von Puerto Pirámide aus, dem einzigen Dorf auf der Halbinsel, fahren die Schiffe zu Beobachtung der Wale ab. 20 amerikanische Dollar kostet dieses Erlebnis, das etwa eineinhalb Stunden dauert.

Wir besteigen an der Mole unser kleines Beobachtungsboot. Etwa sechs andere kreuzen bereits auf den Wellen des Golfo Nuevo, wo man garantiert Wale zu Gesicht bekommt. Wir beobachten an die 20 Tiere, die entweder einzeln oder paarweise an der Wasseroberfläche schwimmen. Manche scheinen zu schlafen, andere strecken immer wieder ihre Köpfe aus dem Meer. Es schaut ganz so aus, als ob auch sie ihrerseits die Touristen beobachteten. Mit gedrosseltem und manchmal ganz abgestelltem Motor kommt man unglaublich nah an die 15 bis 20m großen Kolosse heran. Man meint fast, sie mit der Hand berühren zu können.

Es ist imposant, wenn die Wale beim Abtauchen ihre riesige Schwanzflosse aus dem Wasser heben. Oder – was allerdings eher selten vorkommt – ihre massigen Körper aus dem Wasser katapultieren, um danach laut klatschend wieder in ihr Element zurückzufallen.

Beeindruckend läuft auch die Paarung der Tiere ab, bei der sich die Weibchen mit dem weißen Bauch nach oben drehen, sodaß die Brustflossen aus dem Wasser ragen. Die männlichen Tiere gleiten über sie hinweg oder seitlich an ihnen vorbei und klatschen mit der Brustflosse auf die Wasseroberfläche.

Wir können gar nicht genug bekommen von dem unmittelbaren und beeindruckenden Naturerlebnis. Doch es heißt Abschied nehmen von den Balenas, die nach einem Jahr in den Gewässern der Antarktis wieder hierher zurückkehren werden. (Der Standard, Printausgabe)