Wien - Mit wenig Enthusiasmus tritt Tschechien der Europäischen Union bei. Die große Industrienation der Zwischenkriegszeit sieht sich nämlich längst als Teil Europas und betrachtet den EU-Beitritt als längst überfälligen Schritt. Zugleich will sich das Land nach den Worten seines Staatspräsidenten Vaclav Klaus "nicht im Brüsseler Kaffee auflösen wie ein Stück Zucker". Klaus war auch der einzige Staatspräsident der zehn Kandidatenländer, der seine Bürger vor dem Beitrittsreferendum nicht dazu aufgerufen hatte, mit Ja zu stimmen. Skeptizismus Der sprichwörtliche Euroskeptizismus von Klaus entspricht zwar nicht der Gemütslage der Bevölkerung, die mit 77,3 Prozent für den EU-Beitritt stimmte, für Verstimmung sorgte aber neben der von der EU verordneten Abschaffung des beliebten tschechischen Inländer-Rums insbesondere der Druck aus Österreich in der Frage der Vertreibung der Sudetendeutschen und des Atomkraftwerks Temelin. Jahrelang hatten hochrangige Politiker von ÖVP und FPÖ mehr oder weniger mit einem Veto gegen den tschechischen EU-Beitritt gedroht, sollte Tschechien das AKW Temelin nicht schließen beziehungweise die Benes-Dekrete nicht aufheben, auf Grundlage derer nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als zwei Millionen Sudetendeutsche enteignet und ausgebürgert wurden. Temelin Während sich die österreichische Regierung in der Frage der Sudetendeutschen mit Worten des Bedauerns seitens des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Vladimir Spidla im Juni 2003 zufrieden gab, rang man Prag in der Temelin-Frage in den Vereinbarungen von Melk (Dezember 2000) und Brüssel (November 2001) die Zusage ab, konkrete Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Die Atomreaktoren in Temelin bleiben aber trotz zahlreichen Störfällen weiterhin in Betrieb. Zwei Klassen Gesellschaft Dass zahlreiche Tschechen in der Europäischen Union das Schicksal von Bürgern zweiter Klasse befürchten, dürfte zu einem Teil auch der offiziellen österreichischen und deutschen Regierungspolitik zuzuschreiben sein. Schließlich haben Berlin und Wien bis zu siebenjährige Übergangsfristen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit durchgesetzt, weswegen sich für tschechische Arbeitnehmer nach dem EU-Beitritt zunächst nichts ändern wird. Die tschechische Regierung prüft derzeit, im Gegenzug auch Kontingente für ausländische Arbeitnehmer in Tschechien einzuführen, was prompt zu einem Aufschrei der zahlreichen dort tätigen österreichischen Wirtschaftstreibenden geführt hat. Koalition Tschechien wird seit den Parlamentswahlen im Jahr 2002 von einer Koalition aus Sozialdemokraten, Christdemokraten und Liberalen regiert, die sich im Abgeordnetenhaus nur auf eine fragile Mehrheit stützen kann. In den Umfragen ist seit geraumer Zeit die Demokratische Bürgerpartei (ODS) von Vaclav Klaus klar voran, während die Kommunisten gute Chancen haben, zweitstärkste Kraft zu werden. Klaus war im März 2003 vom tschechischen Parlament überraschend zum Präsidenten gewählt worden, weil die Abgeordneten der drei Koalitionsparteien nicht geschlossen für den offiziellen Regierungskandidaten stimmten. Ein junger Staat Tschechien gehört zu den jüngsten Staaten des Kontinents. Es ist im Jahr 1993 durch die Teilung der Tschechoslowakei entstanden. Die Verselbstständigung der beiden Staaten Tschechien und Slowakei verlief rasch und friedlich, ebenso wie die Wende. Im November 1989 hatte es anhaltende Studentendemonstrationen gegen das kommunistische Regime gegeben. Die kommunistische Führung trat noch im selben Monat zurück. Die Kommunisten hatten erst im Jahr 1948 die Macht in Tschechien übernehmen, nachdem bereits fast ganz Osteuropa in den Einflussbereich der Sowjetunion gelangt war. Im Frühjahr 1968 kam es zu einer Öffnung des Regimes ("Prager Frühling"), die aber im August gewaltsam niedergeschlagen wurde. (APA)