Die eigene Darstellung der Arbeitslosenzahlen ist für viele Interessensvertretungen ein gern eingesetztes Druckmittel. Gerade deshalb weiß auch die Regierung mit Vorwürfen zur kontinuierlich steigenden Arbeitslosigkeit umzugehen. Die eigene Auslegung der aktuellen Arbeitsmarktdaten der jeweiligen Interessensvertretung verzerrt die Aussagefähigkeit und Gültigkeit dieser Darstellungen für Medienkonsumenten. Die Gewerkschaften behaupten, dass die Dunkelziffer der tatsächlich Arbeitslosen weit höher anzusiedeln ist, was die Regierung beständig dementiert.

Beide Interessensvertretungen bestätigen jedoch einen härteren Wettbewerb zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen, der zu einer alarmierend hohen Arbeitslosenquote von neun Prozent (ÖGB-Daten) Ende Jänner 2004 geführt hat. Es ist die Regel, die Arbeitslosenquote als Anzeichen für die Verbesserung der Wirtschaftslage, als konjunkturellen Indikator, heranzuziehen. Experten ordnen die österreichische Wirtschaftslage durch die stetig steigende Arbeitslosigkeit daher zwischen stagnierend und rezessiv ein. Also trübe Aussichten für alle Teilnehmer des Arbeitsplatzwettbewerbs. Zu Diskussionen und Verständnisschwierigkeiten laden auch die unterschiedlichen Erhebungsmethoden der EU und Österreich ein.

Europa rechnet anders

Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Berechnungsmodellen ist darauf zurück zu führen, dass das europäische Modell Selbstständige (410.000 Personen) und geringfügig Beschäftigte (220.000 Personen) in ihre Berechnung einfließen lässt. Im europäischen Modell gelten alle Personen als erwerbstätig, die in der Bezugswoche mindestens eine Stunde gearbeitet haben. Somit errechnet sich die europäische Arbeitslosenquote aus den festgestellten Arbeitslosen, gemessen an allen Erwerbstätigen. Die sich daraus ergebende Prozentangabe, 4,5 Prozent Arbeitslosigkeit laut EU-Berechnung, ist stets um ein Drittel beziehungsweise um die Hälfte geringer als das österreichische Ergebnis.

In Österreich werden alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse als tatsächliche Arbeitnehmer charakterisiert. Dazu zählen neben Vollzeit- auch Teilzeitkräfte, KindergeldbezieherInnen, Präsenzdiener, Personen in Alterteilzeit, sowie Beamte im Vorruhestand, Beschäftigte ohne Arbeitsleistung, als auch Schulungsteilnehmer. Die österreichische Registerarbeitslosenquote berechnet sich im Gegensatz aus allen vorgemerkten Arbeitslosen (312.000 Personen) gebrochen durch die Summe aller Arbeitnehmer (3.110.000 Personen) und Arbeitslosen. Das Ergebnis dieser Berechnung offenbart eine Arbeitslosenquote von 9,2 Prozent (Daten Ende Jänner).

Unschärfe- und Verzerrungsfaktoren

Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ist die Zahl der Arbeitslosen zwischen 2000 und 2003 um mehr als 45.000 Personen gestiegen, die durchschnittliche Arbeitslosenquote hat sich daher von fünf  Prozent auf sieben Prozent erhöht. Dieser dramatische Trend wurde vor allem mit Hilfe von kurz- und langfristigen Schulungen (z.B. Bewerbungstraining) gebremst. 2003 befanden sich 42.000 Personen in AMS- Schulungen. Langfristige Schulungsteilnehmer fließen der österreichischen Berechnung als Beschäftigte hinzu, im Gegensatz zu kurzfristigen Teilnehmern, die weder zu den Sozialversicherungspflichtigen noch zu den Arbeitslosen zählen. Diese scheinen also gar nicht auf.

Auf die Frage, welche Kursteilnehmer nach den absolvierten Schulungen einen Arbeitsplatz finden und sich nicht wieder arbeitslos melden müssen, können Experten nur Vermutungen anstellen. Zusätzlich leben 42.000 Personen von öffentlicher Unterstützung, die ebenfalls nicht in der Arbeitslosenstatistik erfasst sind. Diese Zahl ergibt sich aus der Summe der Arbeitslosen, die länger als drei Tage im Krankenstand sind (22.000 Personen 2003), und den PensionsvorschussbezieherInnen (20.000 Personen).

Durch die Einführung des Kinderbetreuungsgeldes ist die Zahl der „tatsächlich“ Arbeitslosen noch schwerer zu erfassen. 2003 bezogen 103.000 Personen Kindergeld. Einerseits verzerren Arbeitslose, die im Zuge ihrer Kindererziehungszeit als beschäftigt eingeordnet sind, als auch Personen, die während ihrer Karenzierung einer Beschäftigung nachgehen und daher doppelt gezählt werden, die Arbeitslosenstatistik. Diese Erhebungsmethode beschönigt ebenfalls die Arbeitsmarktsituation. Eine kaum abzuschätzende Unschärfe ist die saisonale Arbeitslosigkeit, die vor allem in den Bereichen des Baugewerbes und des Tourismus auftritt. Die sich daraus ergebende Beschäftigungsprognose scheint trüb bewölkt bis vereinzelt regnerisch zu sein. (Philipp Kalny)