Einem, der zweimal Finanzminister war, erscheint eine Reise in den Irak, wo der Krieg wütet, überhaupt nicht riskant." Das befand Polens neuer Ministerpräsident Marek Belka, als er zum Wirtschaftskoordinator der US-Zivilverwaltung in Bagdad ernannt wurde. Schätzte Belka nun seine Rückkehr nach Warschau ein, müsste er dagegen wohl von einem politischen Himmelfahrtskommando sprechen. Innerhalb kürzester Zeit muss der pragmatische Parteilose eine Regierung bilden und vor allem eine tragfähige Mehrheit im Sejm finden. Belkas Ansage ist: Im ersten Jahr der polnischen EU-Mitgliedschaft soll es keine Neuwahlen und keinen Regierungswechsel geben.

Die Chancen dafür stehen vorerst denkbar schlecht. Von einer stabilen Mehrheit ist der neue Premier bisher mindestens so weit entfernt wie die polnischen Rabiatpopulisten von vernünftiger Politik. Besonders die Selbstverteidigungspartei und die Polnische Familienliga spitzen auf Neuwahlen. Bekommen sie die bis auf weiteres nicht, ist davon auszugehen, dass sie die Europawahlen am 13. Juni zu einem Plebiszit über eine schwache Regierung und den EU-Beitritt machen werden. Beiden Parteien könnten laut Umfragen insgesamt 23 der 54 polnischen Europaparlamentsmandate gewinnen. Was ein solches Signal etwa für die Verhandlungen über die EU-Verfassung heißen mag, kann sich bereits jetzt jeder in den dunkelsten Farben ausmalen.

Sicher, deswegen sind Polen oder Europa noch lange nicht verloren. Aber nach dem Erweiterungstaumel hat der Alltag Warschau und Brüssel wieder. Und das größte Erweiterungsland erweist sich nach dem Beitritt wieder als das, was es - Stichworte: hohe Arbeitslosigkeit, aufgeblähter Agrarsektor, Korruption, "Nizza oder Tod" - schon vorher war: das Problemkind in der vergrößerten europäischen Familie. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.5.2004)