Wien - Mit und unter und neben den 88 schwarzen und weißen Tasten ist er groß geworden: Seine Eltern unterrichteten Klavier in Buenos Aires - die Mutter die Anfänger, der Vater die Fortgeschritteneren. 1950, im Alter von sieben Jahren, gab der talentierte Filius sein erstes öffentliches Konzert; mit zehn tourte er schon um die Welt.

Das kleine Wunder nun: Aus dem kleinen Wunderkind wurde - was nicht allzu häufig der Fall ist - im Lauf der Jahre ein wunderbarer Pianist, und aus dem Pianisten dann ein Dirigent, dessen Karriere die des Pianisten fast noch in den Schatten stellte. In den letzten Monaten hat sich Daniel Barenboim wohl wieder verstärkt den schwarzen und weißen Tasten gewidmet, galt es doch alle 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens innert 17 Tagen zur Aufführung zu bringen - im Wiener Musikverein.

Der 61-Jährige tat dies größtenteils mit Bravour und jedenfalls mit großem Erfolg, und ward für diese Parforceleistung wie auch für seine Verdienste um die Musik im Allgemeinen von Staatssekretär Franz Morak auf offener Musikvereinsbühne mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse ausgezeichnet.

Eine filigran gearbeitete, leuchtend klare, mit Bescheidenheit und großer Präzisi- on dargebotene E-Dur-Sonate op. 14/1 hatte den finalen Abend der Barenboimschen Beethoven-Serie eröffnet; die Es-Dur-Sonate op. 7, schon etwas süffiger präsentiert, komplettierte die erste Hälfte des Konzerts. Von der staatlichen Ehrung womöglich beflügelt, ließ Barenboim den Steinway nach der Pause bei der zweisätzigen Sandwich-Sonate in F-Dur op. 54 (zwischen Waldstein und Appassionata positioniert) in innigster Wärme erglimmen.

Beethovens letzte Sonate, op. 111, ist Klimax und Synopsis des pianistischen Schaffens des Klassikers. Der erste Satz ist Beethoven pur: Wut, Gewalt und Tobsucht in höchster Konzentration, die nachfolgende Arietta klarstes Glück. Mitunter verwechselte Barenboim hier Lautstärke mit Intensität; auch wollten letzte Seelenruhe und Seinsgelassenheit nicht aufkommen. Großer Applaus. (end/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2004)