Die österreichischen Universitäten durchlaufen schon seit Jahren eine Reform von oben. Diverse Gesetzesänderungen, von bösen Zungen auch als "Interventions-Stakkato" bezeichnet, sollten die Hochschulen dem angloamerikanischen Vorbild der "entrepreneurial university" näher bringen. Nachdem sich Ministerium und Universitäten nun genügend warm gelaufen haben, soll es jetzt aber wirklich klappen. Das jüngste Universitätsgesetz (UG 2002) entlässt die Hochschulen in die rechtliche Unabhängigkeit, damit sie Kreativität, Innovationsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit entfalten mögen. Doch wenn die "Wissenschaftsunternehmen" zunehmend mehr selbst entscheiden und eigenverantwortlich im Wettbewerb agieren – wird das Ministerium da nicht langsam überflüssig?

Mitnichten, denn bei allem Autonomiezuwachs, den das UG 2002 zugesteht, sollen die Universitäten zugleich besser und effektiver von der Politik gesteuert werden. Diese schwierige Aufgabe soll mithilfe einer neuen "Wunderwaffe" der Hochschulsteuerung gelöst werden – den Leistungsvereinbarungen.

Das Konzept der Ziel- und Leistungsvereinbarungen wurde in den 50er- und 60er- 2. Spalte Jahren in den USA entwickelt und hat seitdem unter dem Begriff "Management by Objec^tives" (MBO) in der Privatwirtschaft große Verbreitung gefunden. In den vergangenen Jahren hat das Führen mit Zielen im Unternehmensbereich noch einmal eine Konjunktur erlebt und gehört, wie der Oldenburger Professor Thomas Breisig feststellt, "mit deutlich wachsender Tendenz zu den am höchsten gehandelten und mit großen Erwartungen verbundenen Instrumenten". Das MBO wird dort primär zur Personalführung eingesetzt. Vorgesetzter und Mitarbeiter le 3. Spalte gen in einer Vereinbarung Arbeitsziele fest, deren Erreichen nach einem definierten Zeitraum gemessen und als Maßstab für die Bezahlung genutzt wird. Ganz anders dagegen im Hochschulbereich. An deutschen und Schweizer Hochschulen, wo bereits seit einigen Jahren MBO-Konzepte zum Einsatz kommen, werden Ziel- und Leistungsvereinbarungen zur Steuerung ganzer Organisationseinheiten eingesetzt – entweder auf politischer Ebene zwischen Staat und Hochschulen oder hochschulintern zwischen Rektorat und Fakultäten.

Das Schema ist immer ähnlich: Zentrale und Dezentrale einigen sich auf die Erbringung bestimmter Leistungen und fixieren diese in einem "Arbeitsprogramm". Nach einiger Zeit berichten die Verantwortlichen der Organisationseinheiten, wie viele von den im Programm angekündigten Projekten realisiert werden konnten. MBO wird also mehr zur gemeinsamen Planung von Innovationsprojekten und weniger zur Leistungsmessung eingesetzt.

US-Warnung . . .

Erste Studien an deutschen Hochschulen kommen zu dem Schluss, dass Ziel- und Leistungsvereinbarungen eher weiche Steuerungs- und Entwicklungsinstrumente sind, die ihre Wirkung im kommunikativen Bereich entfalten, sich aber nicht zur "harten" Budgetverteilung eignen. Genau dies will aber das österreichische Wissenschaftsministerium auf Basis des UG 2002 tun. Im Paragrafen 13 des Gesetzestextes erscheinen die Leistungsvereinbarungen als eine Art "eierlegendes Wollmilchschwein" der Steuerung. Nicht nur dass die Universitäten ihre Strategie sowie Schritte zur Profilbildung und Personalentwicklung auf drei Jahre festlegen sollen, vielmehr sollen sie auch Angaben zu Forschungsaktivitäten, zum Studienbetrieb, zur Weiterbildung, zur Erhöhung der Internationalität und Mobilität und sonstigen Beiträgen zu gesellschaftlichen Entwicklung machen.

Und damit nicht genug. Ergänzend zu den genannten Parametern sollen die Universitäten auch noch so genannte "Wissensbilanzen" vorlegen, in denen sie unter anderem ihr intellektuelles Vermögen, differenziert in Human-, Struktur- und Beziehungskapital, 4. Spalte nachweisen. Diese Daten dienen als Messlatte für die Verteilung des Grundbudgets, welches immerhin 80 Prozent der Finanzmittel ausmacht. Wie genau die Budgetierung vorgenommen werden soll, ist noch nicht geklärt.

. . . vor Overkill

Bis 2007 hat das Ministerium Zeit, sich einen geeigneten Modus zu überlegen, dann nämlich sollen die ersten Leistungsvereinbarungen zwischen Staat und Hochschulen in Österreich in Form von Verträgen abgeschlossen werden. Nach weniger politischer Steuerung klingt das nicht, stattdessen entsteht der Eindruck einer Management-Euphorie. Aber ist diese auch sachlich gerechtfertigt?

Die Erfahrungen im Vorbild-Land USA mahnen zur Vorsicht. Dort ist bereits vor rund 30 Jahren das Konzept der Ziel- und Leistungsvereinbarungen im Hochschulsektor erstmals eingesetzt worden. Nach anfänglicher Euphorie folgte – angesichts suboptimaler Ergebnisse nach Umsetzungsproblemen – die Ernüchterung. Deshalb ordnet der US-Hochschulforscher Robert Birnbaum Ziel- und Leistungsvereinbarungen auch in die Kategorie der vergänglichen "Management-Moden im Hochschulbereich" ein (Originaltitel des gleichnamigen Buches: Management Fads in Higher Education).

Birnbaum rät generell zu einer "skeptischen Neugier" gegenüber neuen Methoden des Hochschulmanagements. Er lehnt sie nicht ab, aber empfiehlt ein vorsichtiges Ausprobieren ohne überhöhte Erwartungen. Die Experimente müssen jederzeit abgebrochen oder korrigiert werden können. Ein Ratschlag, den der österreichische Hochschulbereich beherzigen sollte, damit die laufenden Reformen nicht in einem Management-Overkill enden, sondern in einer echten Verbesserung für das Schaffen von Wissen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2004)