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Foto: EPA/Norbert Schiller
"Egal, wie man es betrachtet, alles dreht sich um Führungsqualitäten", erklärte Brigadegeneralin Janis Karpinski in einem Interview Ende vergangenen Jahres. Die einzige weibliche Kommandantin im Irak, deren dortige Aufgabe es war, insgesamt 15 Gefängnisse zu beaufsichtigen - darunter auch das bereits unter Saddam Hussein berüchtigte Abu-Ghraib-Gefängnis -, gibt heute zu, einen gewissen Teil der Verantwortung für Misshandlungen und Folter von irakischen Gefangenen zu tragen. Sie wehrt sich jedoch vehement gegen Schuldzuweisungen. Sie habe vorgesetzte Behörden mehrmals von den Vorfällen in Kenntnis gesetzt, erklärt sie, aber "die wollten, dass die Sache einfach von selber verschwindet".

Karpinski, die vergangene Woche von ihrem Posten enthoben wurde, hatte im Irak 3400 Reservisten und Mitglieder der US-Nationalgarde unter ihrem Kommando. Sie weist weiter darauf hin, dass die der Folterung und Misshandlung angeklagten Soldaten auf Geheiß des militärischen Geheimdienstes agiert hätten: Die Soldaten seien nicht "eines Tages aufgewacht und hätten sich von selbst entschieden, das zu tun".

Die 50-jährige Janis Karpinski nahm ihre Arbeit im Irak vergangenen Juni auf und besuchte alle Gefängnisse in regelmäßigen Abständen. Das Abu-Ghraib-Gefängnis unter Saddam Hussein beschrieb sie vor Bekanntwerden der Misshandlungen als eine Stätte der "Einschüchterung und Folter" - sie konnte nicht ahnen, wie prophetisch ihre Worte heute klingen würden.

"Ich liebe meine Soldaten", erklärte sie - eine Aussage, die von vielen ihrer Untergebenen bestätigt wird: "Sie ist wirklich mitfühlend", sagte Sergeant Philip J. May Ende vergangenen Jahres. "Sie redet nicht nur, sie handelt auch."

Janis Karpinski wollte schon im Alter von fünf Jahren zum Militär: Eines Sommers reihte sie ihre Puppen auf und behängte sie mit "U.S. Army"-Schildern. Im Laufe eines Vierteljahrhunderts im Militärdienst absolvierte sie mehr als 100 Fallschirmabsprünge, erhielt eine hohe militärische Auszeichnung, den Bronze Star, diente während des ersten Golfkriegs in Saudi-Arabien und wurde 1987 von der regulären Armee zur Reserve versetzt, wo sie weiterhin Geheimdienst- und Militärpolizeiaktivitäten sowohl in den USA als auch im Nahen Osten ausübte.

In ihrem zivilen Arbeitsleben trainiert Karpinski hochrangige Personen in der Privatwirtschaft. Seit 29 Jahren ist sie mit Oberstleutnant George Karpinski verheiratet, der derzeit der US-Botschaft in Oman zugeteilt ist. Die beiden sehen einander selten, die Verständigung erfolgt meistens per E-Mail oder Satellitentelefon. Beide Karpinskis, die keine Kinder haben, sind begeisterte Golfer und haben ihren Wohnsitz im Golfparadies Hilton Head in South Carolina. (Susi Schneider/DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2004)