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Foto: Archiv
--PRO von Doris Priesching

Nein, hier sollen nicht die schamlosen Erwartungen einer entfesselten RONDO-Redaktion bedient werden, die augenzwinkernd ein "Pro" in Auftrag gab, das von seiner Begrifflichkeit her angeblich "weit zu fassen" sei. Wir bleiben sittsam bei dem, was man landläufig unter einem "weichen Ei" versteht. Speise, zugleich Sehnsucht.

"Weiches Ei" heißt nämlich "Sonntagmorgen": aufzustehen, wann man es selbst - ich betone: selbst! - für richtig hält. Das Sonntagmorgen-Frühstück unterscheidet sich vom Wochentagsfrühstück nicht nur durch die Tatsache, dass es für zwei gemacht wird, sondern auch von seiner vergleichsweise üppigen Ausstattung: Unverzichtbarer Bestandteil natürlich das weiche Ei. Wer es wie isst, daran lassen sich Charaktere erkennen: Mit oder ohne Salz oder Gebäck, nach dem Croissant, vor dem Lachs - die Rebellen oder die Braven, die sich das Beste für den Schluss aufheben. Wer das Ei "richtig" kocht - ohne Eieruhr oder andere schnöde Hilfsmittel - beweist Fingerspitzengefühl, ein wertvoller Mensch, selten genug.

Denn das Idyll ist trügerisch. Das perfekte Ei ist eine Kunst, die zu beherrschen nicht jedem gegeben ist. So sitzt man dann vor seinem Ei und hört vom Gegenüber ein "zu weich" oder "eine Spur zu hart". Der dabei empfundene Zorn lässt sich erst sonntags darauf entladen, wenn man selbst verwöhnt wird, und ein fröhliches "Meine Mutter macht sie am besten" einwirft. Was übrigens auch wahr ist. Noch was: Die von glücklichen Hühnern schmecken eindeutig besser.

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--CONTRA
von Ljubisa Tosic

Es war einmal ein Bundeskanzler, der ging unter Gelächter in die Weltgeschichte ein, da er es gewagt hatte, eine der wenigen gesicherten Aussagen, die wir über diese Welt treffen können, öffentlich auszusprechen - jene nämlich, dass alles sehr kompliziert sei. Er galt fortan manchem ungerechterweise als intellektuelles Weichei, hatte er es doch unterlassen, seine These mit Beispielen vorzubereiten, von denen das weiche Ei wohl das treffendste gewesen wären. Mit "Sie lachen, meine Damen und Herrn", hätte dieser Bundeskanzler seine Kette von rhetorischen Ei-Fragen eröffnen sollen, um fortzufahren, "aber, ist wirklich jedes Ei nach drei bis fünf Minuten im richtigen Weichzustand? Macht es nicht einen erheblichen Unterschied, ob das Ei Zimmertemperatur hat oder Kühlschrank-gekühlt ist?"

"Ist die Größe des Eis irrelevant? Ist es wirklich egal, wie viel Wasser im Kochhäferl ist oder wie viele Eier gleichzeitig gekocht werden? Reduziert die zu kochende Eizahl nicht vielmehr die Temperatur des Wassers, und wird damit nicht die Kochdauer beeinflusst? Sie sehen, es ist alles, auch das scheinbar Einfache, sehr kompliziert!" So hätte er überzeugt. Wir aber können nur warnen. Ein Tag, der mit einem weichen Ei beginnt, startet oft mit einer Enttäuschung. Das Weichei, weil es unentwegt misslingt, ist ein Sinnbild der Vergeblichkeit allen Bemühens. Wer nicht anders kann, als eines zu bestellen, der rechnet mit dem Härtesten und nimmt die Eier, wie sie kommen. Dieser Gleichmut ist indes nicht jedem gegeben. Er ist so selten wie das weiche Ei. (DerStandard/rondo/07/05/2004)