VIP im Hanappi: Herr Schmidt-Dengler.

... über die er sich ab und zu ein Privatissimum erlaubt.


Wien - Nach St. Hanappi fährt man mit der U-Bahn. Darauf besteht Wendelin Schmidt- Dengler (61), weil das zur Inszenierung gehört: die grün-weißen Schals im Wagon; die Schlachtgesänge zur Einstimmung auf das Match - "Steht auf, wenn ihr Grüne seid". Nicht, dass der Herr Professor gleich vom Sitz springen würde, aber ein Grüner ist er schon. Immer schon.

Oder doch fast. Seit der Schulzeit, wo einem solche Prägungen sozusagen übergestülpt werden wie der berühmte Kübel. "In meiner Klasse waren die meisten Rapidler, bemerkenswert wenige Austrianer, viele für den Sportklub und einige für Wacker." Nach einem kurzen Flirt mit dem Sportklub entschied sich Schmidt-Dengler für Hütteldorf. Die Verbindung hat bis heute gehalten, beide sind glücklich miteinander wie am ersten Tag - so was gibt's noch, ehrlich.

Rapid hat Schmidt-Dengler auf einen VIP-Platz geladen. Er ist gerührt - die zumindest kurzfristige Aufnahme in diesen exklusivsten Zirkel der Society hätte er mit der besten Goethe-Biografie nicht geschafft. Vor dem Anpfiff ist noch Zeit zur Korrektur einer Legende - also bitte sehr: Es stimmt nicht, dass Schmidt- Dengler einen seiner Studenten bei einer Prüfung hinausgeworfen hat, weil der zwar wusste, was die GAV (Grazer Autorenversammlung), nicht aber, was der GAK ist. Weil jede Legende einen wahren Kern hat, gibt Schmidt-Dengler zu, dass er dem Geprüften vielleicht damit gedroht haben könnte - "weil mich die Ignoranz ärgert, mit der sich manche über wesentliche Dinge hinwegset zen". Das sei freilich lange her, heute sei es eher lästig, dass jeder meine, auch zu Fußball etwas sagen und schreiben zu müssen. "Da geht etwas von der gesunden Einfalt verloren, die den Sport ausmacht."

Für ihren aktuellen Bestand auf dem Spielfeld sorgt zunächst Rapid, die Kärnten zunächst so etwas von nicht in den Griff bekommt, dass es Schmidt-Dengler wehtut: "Die Ballannahme war nie eine Stärke von Rapid" (Dober ist der Ball weggesprungen).

"Die Schlampigkeit kann einen rasend machen" (Garics verfehlt mit einem Pass den neben ihm stehenden Wallner). "Es fängt damit an, dass Jazic im Mittelfeld einen Topfen spielt" (und endet mit einem weiten Ball auf Prawdas Kopf, der mühelos zum 0:1 für Kärnten einköpft).

Schmidt-Dengler leidet: "Pasching jubelt." Und die hätten im UEFA-Cup wirklich nichts verloren. Knapp vor der Pause spürt Schmidt-Dengler bei einem Rapid-Freistoß etwas; die Grünen können sich auf sein Gespür für den Ball verlassen: Flanke auf den kleinen Sturm - Ausgleich. Schmidt-Dengler jubelt: "Jetzt wird's etwas." Pasching leidet.

Nach der Pause "wird es" zuerst für Kärnten - Akwuegbu hat im Strafraum mit drei Rapidlern seinen Spaß und schießt das 1:2. Schmidt- Dengler verfällt in Depression: "Als ob mein Bedarf an Peinigung nicht schon durch die Universitätsreform mehr als gedeckt wäre." Ein Ausflug in das Archiv der Erinnerung hilft darüber hinweg: "Mein Liebling war der Hanappi. Der konnte alles - Aufbau, Verteidigung, Sturm -, und er hat immer das Unerwartete gemacht. Genial. Der Ivanschitz ist ein bisschen so." Doch der fehlt, und Rapid müht sich. "Der Wille ist ja da", bemerkt Schmidt-Dengler, "man muss nur wollen, hat der Thomas Bernhard immer gesagt, wenn er auf seinen Erfolg angespro 5. Spalte chen wurde." Der Bernhard Rapids heißt Wallner, der einen Pass im Strafraum aufnimmt und hoch im kurzen Eck versenkt. Schmidt- Dengler jauchzt: "Dem Wallner vergönn' ich es wirklich."

Rapid-Viertelstunde. "Früher haben sie in den letzten 15 Minuten die Knöpf' gemacht, jetzt kriegen sie welche." Diesmal nicht - Hofmann trifft zum 3:2. Schmidt-Dengler ist glücklich, die Westtribüne tanzt, der Professor blickt über die Köpfe der Fans hinweg und in das Dunkel der Nacht: "Da hinten wohnt die Elfriede Jelinek." Abpfiff. Rapid und Schmidt-Dengler sind fix im UEFA-Cup. (Samo Kobenter - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.5. 2004)


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