Foto: Lokaltipp

Die Zeiten, da Sushi-Bars den Wiener Naschmarkt überschwemmten und eine Umbenennung in "Nashi-Markt" nahe legten, sind noch gar nicht so lange vorbei. Seit etwa zwei Jahren liegt die Themenführerschaft hinsichtlich asiatischer Küche am Naschmarkt aber woanders, nämlich bei den Anbietern südostasiatischer Küche, die derzeit aus dem Boden schießen wie Shiitake-pilze aus der feuchten Birke.

Der Schnitt lag unlängst bei 1 Lokal / Woche, "Jin's Tea House" etwa heißt ein großzügig angelegtes Restaurant in der ehemaligen CA, das nicht nur über einen Hochsicherheits-Karaoke-Keller (mit original 3,5 Tonnen schwerer Tresortür) von bisher nicht gekannten Ausmaßen verfügt, sondern auch über eine Küche, die den sonst üblichen Thai-Mainstream doch merklich verlässt: Die zwei Betreiber, Herr Jin und Herr Yaung, beide aus Hongkong stammend und in Österreich bisher mit einem Asia-Lokal in Linz vertreten, engagierten nämlich einen Koch, der im "Indochine 21" und im "Le Ciel" schon die hohe Schule des Kochens ausübte und der hier außerdem nicht nur Thai-Küche auf europäischem Niveau, sondern auch Einflüsse seiner indischen Heimat geltend macht. Was somit bedeutet, dass endlich einmal dem Curry gourmetmäßig auf den Zahn gefühlt wird.

Aber nicht nur der Koch hatte schon seine Zeit in der edelsten Ausformung des Wiener Südostasia-Booms, dem "Indochine 21", verbracht, auch Service-Chef Charles Lackner kommt von dort, er brachte die Begeisterung für die Kombination von asiatischer Küche mit österreichischen Weinen rarer Sorten mit. Und nicht zuletzt erinnert auch das Design des "Jin's Tea House" ein wenig an eine preisgünstigere Variante des Prestige-Asiaten.

In der Küche geht man dann aber recht eigenständige Wege. Die Spargelröllchen etwa - exotisch gewürzte Spargelpalatschinken - waren köstlich und leicht (€ 4,50), die gegrillte Königskrabbe in einer Art Kartoffelpuffer mit reichlich Chili und hellgrüner Currysauce auch sehr gut (€ 5,90), und dass die sauer-scharfe Hühnersuppe mit Chili und Tofu fad gewesen wäre, kann man auch nicht sagen (€ 3,60). Na, und dann das Curry: drei mustergültig zarte, vom roten, scharfen Saft durchsogene Rindfleischstückerln, wunderbar scharf, dazu gegrillter Pak Choi, wirklich sehr gut (€ 15,50).

Der zweite asiatische Neuzugang des Naschmarkts fand eine Woche später statt, und zwar eröffnete Man Ping Li, der vor zwei Jahren schon das "Mr. Lee" eindrucksvoll bekochte, sein "Li's Cooking". Von den "Mr. Lee"-Partnern habe man sich getrennt, bio, Glutamatverzicht seien hier das Thema. Gestaltung offenbar auch, denn der großzügig dimensionierte Stand mit seinen 60er-Diner-Akzenten unterscheidet sich doch deutlich von den anderen, allzu genau hinschauen darf man halt nicht.

Wie schon bei "Mr. Lee" zeichnet sich Herr Li auch hier durch eine gewisse Kochbesessenheit aus: Sushi im Ildefonso-Format oder rotes Curry, in einer Ananas serviert. Als Appetizer kommen zwei würzige Omelettröllchen mit Hühnerfleischfülle, der mit zwei Chilis als scharf gekennzeichnete Mango-Enten-Salat mit Gurke und Minze ist nicht nur köstlich, sondern hält auch das Schärfe-Versprechen (€ 2,80). Das grüne Hühnercurry erinnerte in seiner Komplexität - mit Okra, Paprika, Zucchini, Kaiserschoten, Champignons, Thai-Basilikum, Kaffirlimonen-blättern, Lemongrass - angenehm an Straßenküchen in Bangkok (€ 7,80).

Es zeigt sich jedenfalls, und das ist erfreulich, dass man am Naschmarkt nicht mehr nur mit der frequenten Lage spekuliert, sondern wieder wirklich interessante Küche bietet. Florian Holzer, DER STANDARD, rondo/07/05/2004)