Kosice, im Osten des Landes gelegen - rund 40 Kilometer nördlich von Presov, ist die zweitgrößte Stadt der Slowakei.

Foto: slovakiatourism.sk
Begegnungen mit jungen Leuten in einem Restaurant im slowakischen Presov, darunter mit einem Ruthenen, für dessen Volksgruppe die EU-Erweiterung eine neuerliche Trennung bedeutet.

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Michal und Ján waren erstens Amerikaner, zweitens Europäer und drittens Slowaken. Andrejko war erstens Amerikaner, zweitens Ruthene, drittens Slowake und viertens Europäer. Ich traf sie in dem Restaurant Fontana in Presov. Da ich es aufgegeben hatte, im Osten der Slowakei nach slowakischem Essen zu suchen, ging ich gleich in ein Gasthaus mit italienischem Namen, weil ich hoffte, dort die italienischen Gerichte, die überall angeboten wurden, von fachkundiger Hand zubereitet zu finden.

Das Fontana lag im ersten Stock eines Hauses am Marktplatz, war in einem Stil eingerichtet, den man vielleicht neoitalienisch nennen sollte, und hatte seltsamerweise auf der Speisekarte außer gezählten Standardgerichten der italienischen Küche vorwiegend slowakische Spezialitäten.

Am Nebentisch saßen drei Studenten, die selber Spaghetti aßen, aber begeistert waren, mir erklären zu können, worum es sich bei den einzelnen slowakischen Speisen handelte. Ich entschied mich des Namens wegen für Domácastnica kapustnica s kolbáson a undeným másom und hatte die Jugend der Slowakei erobert, als ich es nach einigem Be- mühen auswendig hersagen konnte. Es handelte sich um eine Krautsuppe nach Art des Hauses, in die eine mehr fette als scharfe Wurst und Stücke geräucherten Fleisches gewürfelt waren. Sie schmeckte ausgezeichnet und für Leute, die über das Studentenalter hinaus waren, ziemlich ungesund.

Die drei studierten in Bratislava und waren nur über die Osterferien heimgefahren. Gemeinsam flogen sie jedes Jahr für zehn Wochen in die USA, wo sie in Fastfoodrestaurants, Motels oder an Tankstellen im Mittleren Westen arbeiteten und dabei, obwohl der Lohn für amerikanische Verhältnisse niedrig war, so viel verdienten, dass sie es sich das ganze Jahr über in Bratis- lava gut gehen lassen konnten.

In den USA, erzählten sie, würde eine ganze Kolonie slowakischer Studenten so wie sie den Sommer verbringen, dabei Englisch lernen, vom Land etwas sehen und einen Haufen Geld verdienen. Alles an Amerika gefiel ihnen, nur mit den Amerikanerinnen war nichts los. Keiner von ihnen hatte es zu einer amerikanischen Freundin gebracht, und das war nach drei Sommern schon eine ziemlich schwache Leistung. Sie sahen aus, wie Jugendliche mittlerweile überall in Europa aussehen und hätten genauso gut in Bergamo, Hannover oder Hilversum leben können. Sie lebten aber in der Slowakei und fanden, dass in Amerika alles besser war, bis auf die Städte, die waren in der Slowakei schöner, und die Mädchen natürlich, die waren in der Slowakei nicht so prüde.

Die Europäische Union hielten sie für fast so gut wie die Vereinigten Staaten, und da sie näher lag und es für die Slowakei leichter war, sechzehntes Mitglied der Europäischen Union als 51. Bundesstaat der USA zu werden, hatten sie beschlossen, mit Leidenschaft europäisch zu empfinden. Sie sprachen ein hervorragendes Amerikanisch und Deutsch so gut wie ich Englisch.

Europas Zukunft

Mir war völlig klar, dass mir mit diesen aufgeweckten, ehrgeizigen, sprachlich versierten, neugierigen jungen Slowaken die Zukunft Europas gegenübersaß; sie werden es sein, mit ihrer Fähigkeit, sich Neues anzueignen, und ihrem Wunsch, es in Europa zu etwas zu bringen, die die Geschicke des Kontinents in den nächsten fünfzig Jahren prägen. Gegen die Slowakei hegten sie kein Ressentiment der Herkunft, nur war sie eben nicht in der Lage, sich von selber aus der wirtschaftlichen Krise und der gesellschaftlichen Rückständigkeit herauszuarbeiten. Sie sehnten sich nach dem großen Europa, nicht weil sie ihren Kleinstaat hassten, sondern weil sie ihn mochten und hofften, es würde mit ihm, sobald er erst der Union angehöre, viel besser gehen.

Mir war aufgefallen, dass Michal und Ján den dritten von ihnen zu provozieren versuchten. Andrejko studierte Internationales Recht und war, so wie sie, begeisterter Amerikaner. Für einen Angehörigen der ruthenischen Minderheit im Lande war das auch selbstverständlich, nicht nur weil die meisten Ruthenen in den USA leben und der berühmteste Ruthene, Andy Warhol, ja Amerikaner gewesen ist, sondern auch weil die Ruthenen immer mit vielen anderen Nationalitäten zusammengelebt hatten und ihnen die USA daher als vorbildliches Land galten.

Natürlich war Andrejko nicht nur Ruthene, sondern auch Slowake, und er sprach von seinem Land womöglich sogar nachsichtiger als seine Freunde. Dass er, anders als sie, leider kein begeisterter Europäer sein konnte, schien ihn zu schmerzen. Wie er sich als Slowake freute, dass sein Land bald der Europäischen Union angehören werde, musste er sich als Ruthene vor diesem Tag fürchten.

Nachdem die k.u.k. Monarchie zerfallen war, verfügte die erste tschechoslowakische Republik über eine östliche Provinz, die von Prag unendlich weit entfernt war und Karpato-Ukraine hieß. In dem waldreichen abgelegenen Gebirgsland lebten Juden, Roma, Ruthenen und eine Vielzahl anderer Völkerschaften.

Als die Tschechoslowakei 1938/39 von den Nationalsozialisten zerschlagen wurde, erhielt die Karpato-Ukraine für sechs Monate eine prekäre Autonomie, dann fiel sie an Ungarn, das schon 1918 Anspruch auf das riesige Gebiet erhoben hatte; während des Zweiten Weltkrieges kam es hier zum organisierten Völkermord an Juden und Roma.

Kurze Grenzöffnung

Danach fiel die ganze Region, bis auf einen schmalen Streifen, der der tschechoslowakischen Volksrepublik zugeschlagen wurde, an die Sowjetunion. Die meisten Ruthenen waren nun Bürger der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die sie flugs zu Ukrainern erklärte und ihre griechisch-katholischen Kirchen dem orthodoxen Patriarchen von Kiew unterstellte.

Erst 1989, als der reale Sozialismus in Moskau und Kiew wie in Prag und Bratislava in sich zusammenstürzte, konnten sich die 800.000 Ruthenen in der Ukraine wieder in Kulturvereinen organisieren und in Verbindung zu den Ruthenen der Slowakei treten.

Einen eigenen Staat strebten die einen wie die anderen nicht an, aber dass man vom slowakischen Presov wieder ohne Schwierigkeiten ins ukrainische Uzgorod fahren konnte, das war ein Recht, das sie zurückgewonnen hatten und sich nie mehr wieder rauben lassen wollten.

Es kam aber anders. Kaum war die Grenze für ein paar Jahre durchlässig geworden, drohte sie die nächste Generation schon wieder zu trennen. Indem die Slowakei den Beitritt zur Europäischen Union anstrebte, hat sie sich nämlich zur Ukraine eine Außengrenze der Union eingehandelt. Und dass diese Grenze unüberwindlich werde für all die Hungerleider aus dem riesigen Einzugsbereich der Ukraine, der bis in den Fernen Osten reicht, dafür hat die Slowakei der Union gegenüber einzustehen.

Andrejko wirkte geradezu verlegen, als er mir das alles erklärte. Er wäre zu gerne vorbehaltlos ein leidenschaftlicher Europäer wie seine beiden Gefährten gewesen, aber für die Ruthenen verhieß die Europäische Union nicht nur, dass Grenzen fallen, sondern auch, dass eine neue, sie existenziell gefährdende wieder errichtet wurde. Die Slowaken werden um Europa reicher, die Ruthenen um die Ukraine ärmer. Andrejko ist beides, und die Grenze Europas schneidet durch sein Herz. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2004)

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Karl-Markus Gauß, Jahrgang 1954, beschäftigt sich als Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" sowie als Buchautor seit zwanzig Jahren mit den Rändern Europas. Zuletzt fand sein Buch "Die Hundeesser von Svinia" über die Ärmsten unter den Roma der Slowakei (Zsolnay Verlag, 2004) große Beachtung.