Anlässlich des Tages der Pressefreiheit hat am Donnerstag in Wien eine internationale Journalistenrunde über den aktuellen Zustand der Weltpresse diskutiert. Dabei wurde eine Gefährdung der Presse aus unerwarteter Richtung festgestellt. Nicht Regierungsdekrete, sondern die freiwillige Gleichschaltung der Presse untergrabe mittlerweile massiv die Pressefreiheit", betonte der israelische Journalist Uri Avnery.

"Wie kommt es, dass die Presse in Demokratien letztlich genauso reagiert wie in totalitären Staaten?", wandte sich der Träger des Stockholmer Alternativen Friedensnobelpreises fragend an das Publikum beim Bruno-Kreisky-Forum. In Israel würden sich die Medien bei der Berichterstattung über Konflikte derselben Sprache und Termini bedienen. "Ich habe gedacht, das ist ein israelisches Problem, bis ich "nicht zu meiner Freude" festgestellt habe, dass in den USA genau das selbe passiert", so Avnery. Die Ursache der Gleichschaltung sieht Avnery im grundsätzlichen Dilemma des Journalisten beim Verfassen oppositioneller Artikel, die auf den Widerstand der bereits geformten öffentlichen Meinung treffen würde.

"Russland ist zur Zeit noch nicht in der Lage, eine Kultur der Meinungsfreiheit zu entwickeln"

Es bedürfe keiner Druckmittel, um die russischen Medien zu kontrollieren, pflichtete ihm sein russischer Kollege Andrej Babitski bei. "Russland ist zur Zeit noch nicht in der Lage, eine Kultur der Meinungsfreiheit zu entwickeln", so Babitski. So sei es zwar möglich, über ökonomische Bereiche zu diskutieren, aber es gebe absolut keine Diskussion über den Krieg in Tschetschenien. Die Journalisten würden deshalb automatisch in die Rolle der Berichterstatter zu Sowjetzeiten zurückfallen.

Eine weitere Ursache für die Polarisierung der russischen Presse sieht Babitzki im Konkurrenzkampf der Medien untereinander. Er berief sich dabei auf eine aktuelle Umfrage unter russischen Medienmachern, die ergeben habe, dass nicht politischer Druck, sondern finanzielle Interessen der Grund für eine regierungsfreundliche und daher gleichgeschaltete russische Presse sei.

Fehlender Gegenpart zu Berlusconi

Oktavia Brugger, Korrespondentin des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders RAI, beklagte schließlich den fehlenden medialen Gegenpart zu Premierminister Silvio Berlusconis politisch beeinflusstem Medienkonglomerat in Italien. Es gebe weder die finanziellen Mittel, noch die politischen Voraussetzungen dazu, so Brugger.

In der Öffentlichkeit sei der Rücktritt der RAI-Präsidentin Lucia Annunziata ohne großes Echo verhallt. "Die Italienische Bevölkerung ist in Apathie verfallen. Dem Fernsehen hat man bereits früher nicht vertraut, jetzt denkt man sich, es wird schon vorbeigehen", sagte Brugger. (APA)