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Der Griff zur fremden Geldtasche wird derzeit in Wien häufig von jungen Bulgarinnen gemacht - über 50 wurden beim Diebstahl erwischt

Foto: APA/ Kay Nietfeld
Wien - Sechs Jahre alt war die jüngste der über 50 Klientinnen, mit denen Norbert Ceipek, Leiter des Krisenzentrums "Drehscheibe", in den vergangenen acht Wochen zu tun hatte. Das bulgarische Kind war in einem Wiener Supermarkt bei einem Taschendiebstahl ertappt und von der Polizei in das Zentrum des Wiener Jugendamtes (MA 11) gebracht worden.

"Wir bemerken derzeit einen starken Anstieg bei minderjährigen Bulgarinnen, die bei Diebstählen erwischt werden", schildert Ceipek. "Keine von ihnen ist älter als 13, sie treten meist zu zweit oder dritt auf. Ein beliebter Trick in Geschäften ist dabei, einen Kunden um Hilfe zu bitten, etwas von einem höher gelegenen Regal zu nehmen. Während der sich streckt, stiehlt eine Zweite die Geldtasche."

Die Kinder werden von skrupellosen Hintermännern ausgenützt und sind selbst Opfer. Ihre Eltern übertragen die Obhut schriftlich an Personen in Österreich, beispielsweise Notare. Sind die Mädchen dann hier, werden die Mädchen auf Diebstour geschickt.

Ab Montag sollen die Minderjährigen, die bisher zu den verschiedensten MA-11-Zentren gebracht wurden, zentral zur "Drehscheibe" kommen. Dort bietet man ihnen an, mit den Eltern oder Sozialbehörden in der Heimat Kontakt aufzunehmen und für eine Rückfahrt zu sorgen.

Etwa die Hälfte aller jungen Klienten nahm im Vorjahr dieses Angebot an. Über 250 Kinder und Jugendliche, hauptsächlich aus Rumänien und Bulgarien, wurden 2003 in der Drehscheibe erfasst und betreut. Jene Hälfte, die nicht zurückwollte, verschwand oft binnen weniger Minuten nach der Ankunft wieder.

Ausgebeutete Minderjährige

Mit dem Problemkreis der nach West- und Mitteleuropa geschleppten und ausgebeuteten Minderjährigen beschäftigte sich am Donnerstag und Freitag auch ein Workshop mit Polizeibeamten aus 16 Nationen. Inhalt des von der Wiener Polizei und der International Organisation for Migration (IOM) veranstalteten Seminars war vor allem der Erfahrungsaustausch über den Umgang mit den Kindern. Etwa im Bereich der Befragung: Dafür sind eigene Räumlichkeiten ideal, bei denen der Beamte in Augenhöhe mit dem Kind sitzen kann.

120.000 Kinder

Konkrete Daten zur Thematik sind allerdings rar. Bei der IOM geht man von rund 120.000 Kindern aus, die jährlich in den EU-Raum gebracht und hier zu Bettelei, Diebstahl, Arbeit oder Prostitution gezwungen werden. Die Hilfsorganisation glaubt, dass in der Mehrzahl der Fälle die Eltern einverstanden sind, wenn ihr Kind nach Europa gebracht wird. Allerdings geschieht dies oft unter Vorspielung falscher Tatsachen: Die Hintermänner versprechen ihnen einfach bessere Zukunftschancen für den Nachwuchs, ohne auf die kriminelle Karriere einzugehen. Aufklärungskampagnen in den Schulen der Herkunftsländer sollen dagegenwirken. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.5.2004)