Friedrich Zawrel beim Zeitzeugengespräch im Jugenstiltheater im Otto Wagner Spital

derStandard/Michaela Sivich
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Krankensaal am Steinhof, einem Zentrum der NS-Medizinverbrechen

Foto/DÖW
Wien – 4. Mai 2004, 16:00 Uhr: Rund 100 Personen treffen im herabgekommenen Jugendstiltheater, nahe der einzigen Holocaust-Gedenkstätte Wiens, im Otto Wagner Spital, einem psychiatrischen Krankenhaus ein, um einem Zeitzeugengespräch mit Friedrich Zawrel beizuwohnen. Herr Zawrel ist einer der wenigen Überlebenden der „NS-Kindereuthanasieanstalt `Am Spiegelgrund`“. Im Publikum: Viele LehrerInnen, einige StudentInnen sowie ein Arzt des Krankenhauses.

Der heute 74-Jährige betritt die verfallene Bühne, nimmt an einem Schreibtisch Platz und beginnt seine Lebensgeschichte zu erzählen. „Wenn ich über meine Jugendzeit im Nationalsozialismus rede, dann tue ich dies nicht, weil ich glaube, dass meine Erlebnisse im Dritten Reich außergewöhnlich waren, sondern weil es Hitler treuen Sieg-Heil-Brüllern nicht gelingen darf, Menschen in ihrem Sinnen zu beeinflussen.“

„Wenn ich Lobreden auf Hitler höre, wird mir immer eiskalt. Ich denke an die Konzentrationslager, an die Todesspritzen in den Euthanasieklinken, an die Foltermethoden der Gestapo. Ich denke an die Sondergerichte und ich denke an die Kinder vom Spiegelgrund. An ihr langsames qualvolles Sterben nach tagelanger Verabreichung von kleinst dosierten Giftmengen, die eine Lungenentzündung hervorriefen, und dass so ein krankheitsbezogenes Sterben vorgetäuscht wurde. Ich denke an die SA. Ich denke an ein junges jüdisches Mädchen, das in der Praterstraße vor meinen Augen von der Hitlerjugend blutig geschlagen wurde, an zerstörte jüdische Geschäfte und brennende Tempel. An ein psychiatrisches Krankenhaus inmitten der Kulturstadt Wien, das von einem Tag zum anderen fast übergangslos zur zweitgrößten Kindermordanstalt im Dritten Reich wurde. Ich denke an das Krankenpersonal, das über Nacht zu willigen Helfern einer unvollstellaren Mordmaschinerie wurde. Ich kann an Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus nichts Gutes finden.“

"In ihren Reihen hat der Mensch aufgehört Mensch zu sein"

Im Jahre 1940 im Alter von 10 Jahren ist Friedrich Zawrel in die Fänge der Wiener „NS-Jugendfürsorge“ geraten und wurde Zögling in der Jugendfürsorgeanstalt `Am Spiegelgrund´. Die genauen Gründe dafür sollte er erst Jahrzehnte nach dem Ende der NS-Herrschaft erfahren.

Zawrel wurde von den NS-Fürsorgebehörden als „asozial“ und „bildungsunfähig“ eingestuft. Die Ärzte vom Spiegelgrund, u.a. Dr. Heinrich Gross, ordneten sogar seine Unfruchtbarmachung an, er entging der Zwangssterilisation nur knapp.

Nach einigen Monaten in der Fürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Ybbs transferiert, wo er ein weiteres mal mit Dr. Heinrich Gross, dem dortigen Anstaltsleiter, „Bekanntschaft machte“, weil er dem kleinen Buben wichtige medizinische Hilfe verweigerte.

Der 11-jährige Friedrich musste miterleben, wie erwachsene PsychiatriepatientInnen von Ybbs an der Donau nach Hartheim deportiert wurden. Auch er wäre wohl in die Euthanasieanstalt Hartheim bei Linz deportiert worden, wenn die offizielle NS-Euthanasieaktion „T4“ nicht im August 1941 gestoppt worden wäre.

Spiegelgrund: „Nervenklinik für Kinder“

Friedrich wurde auf den Spiegelgrund zurückgeschickt, hatte kürzere Aufenthalte in verschiedenen Wiener NS-Jugendfürsorge-Einrichtungen, kam ins ehemalige Hyrtelsche Waisenhaus in Mödling und dann wieder zurück auf den Spiegelgrund. Hier wurde er in die Nervenklinik für Kinder eingewiesen.

Diese kleine Abteilung der NS-Medizin in Wien war „geheime Reichssache“ und bedeutete für über 800 Kinder den Tod. Unter der Leitung von Dr. Ernst Illing wurden hier medizinische Versuche an den Kindern vorgenommen: Krankheiten wie Hydrozephalus, Microzephalus und Tuberöse Sklerose wurden erforscht. Hier begegnete Zawrel auch Dr. Heinrich Gross wieder, der in dieser Zeit an dieser „Klinik“ seine wissenschaftliche Karriere begründete.

Zawrel wurde über ein dreiviertel Jahr in einer Einzelzelle ohne Möbel, Spielzeug oder Bücher eingesperrt. Er durfte diese nur für Untersuchungen verlassen. Hier wird für Zawrel der Abtransport getöteter Kinder zu einem alltäglichen Anblick. Zawrel lebte fortan in Todesangst.

Flucht aus der „NS-Euthanasieklinik“

Mit Hilfe einer Krankenschwester gelang ihm die Flucht aus der „NS-Kindereuthanasieklinik“. Er schlug sich einige Wochen in Wien durch. Ohne Lebensmittelmarken, Geld und Unterstützung hatte er große Mühe, zu überleben. Am Nordbahnhof wurde er erwischt, als er einige Lebensmittel stehlen wollte. Er wurde dafür zu 4 Jahren schweren Kerkers verurteilt. Zawrel kam ins Jugendgefängnis Kaiserebersdorf und bezeichnet das heute als seine Lebensrettung. „Die NS-Justizanstalt war unglaublich grausam, aber eben nicht so mörderisch wie die „NS-Euthanasieklinik“ für Kinder im Psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien“, so Zawrel.

80 Minuten lang erzählt er seinen ZuhörerInnen über seine grausamen Erlebnisse während der Nazi-Herrschaft. Er werde alle Fragen nach der Pause beantworten, oder wenn es das Publikum wünsche, seine neuerliche Begegnung mit Dr. Gross erzählen, aber das würde noch gut eine Stunde dauern. Niemand schreckten weitere 60 Minuten Vortrag. Niemand verließ das Zeitzeugengespräch während der Pause. Alle Anwesenden wollten diesen Teil seiner Lebensgeschichte auch noch hören.

"Das unheimliche Widersehen"

Nach dem Krieg kann sich der fast erwachsene Friedrich Zawrel nur schwer von seiner außerordentlich schrecklichen Kindheit erholen. Er hat keine Schule besuchen dürfen, und ohne Zeugnisse wird ihm jede Ausbildung verweigert. Er habe sein Schweigen über die Kindheit erst gebrochen, als er im Jahr 1976 wieder dem ehemaligen Euthanasie-Arzt Dr. Heinrich Gross gegenübersitzt, so Friedrich Zarwel.

Dr. Gross ist mittlerweile ein angesehener Neurologe und Gerichtspsychiater geworden. Der Gerichtsgutachter Gross psychiatriert sein einstiges Opfer wieder. Dabei zitiert er ungeniert aus dessen Spiegelgrund-Akte und dessen Krankengeschichte. Diese Krankengeschichte war von Ernst Illing, dem Leiter der „Euthanasie-Klinik“, angelegt worden. Illing wurde 1946 von einem österreichischen Volksgericht wegen der Ermordung von Kindern in der so genannten Kinderfachabteilung zum Tod verurteilt.

Zawrel wird aufgrund des Gutachtens zu einer hohen Haftstrafe verurteilt. Im Anschluss an die Haftstrafe ordnete der Richter die Sicherungsverwahrung an. Friedrich Zawrel sollte auf unbestimmte Zeit in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingesperrt werden. Dieses Urteil ist eindeutig ungerecht, der begründete Verdacht liegt nahe, dass der NS-Arzt Dr. Heinrich Gross einen Zeugen mundtot machen wollte, so Zawrel. Er kämpft nun verzweifelt um seine Rehabilitierung und um seine Anerkennung als Opfer der „NS-Medizin“.

Doch seinen Eingaben bei der Staatsanwaltschaft, der Polizei oder im Justizministerium wird nicht nachgegangen. Erst ein Zeitungsartikel im Kurier bringt 1978 eine Lawine ins Rollen. Der junge Mediziner Dr. Werner Vogt und die „Arbeitsgemeinschaft kritische Medizin“ erreichen, dass Zawrel von einem unabhängigen Gutachter untersucht wird, was seine Haftentlassung zur Folge hat. Gegen Gross wird aber nicht wegen Amtsanmaßung ermittelt. Trotzdem erfährt seine Nachkriegskarriere einen Knick. Es sollte aber fast 20 Jahre dauern, bis die Wiener Staatsanwaltschaft gegen Heinrich Gross Mordanklage erhebt, zu einem Urteil kam es bis heute nicht.

Friedrich Zawrel wird erst im Jahr 2002 rehabilitiert, seine Verurteilungen wurden aufgehoben und die Republik Österreich erkennt Zawrel als Opfer des Nationalsozialismus an.

Gedenkkulturen

Nach rund 3 Stunden Erzählungen des Zeitzeugen ist es gespenstisch ruhig im Jugendstiltheater. Mit seiner Lebensgeschichte hat Friedrich Zawrel das Publikum nicht nur für die Geschichte der Euthanasie im Nationalsozialismus interessieren können, sondern auch für den Umgang mit dieser in Österreich nach 1945.

Von „Großveranstaltungen“ á la „Letters to the Stars“ hält Friedrich Zarwel nicht viel – es wäre nicht redlich glauben zu können, dass SchülerInn innerhalb weniger Wochen die Geschichte aufarbeiten könnten, was HistorikerInnen in Jahrzehnten nicht gelungen sei. „Ich war letztes Jahr am Heldenplatz und hatte den Eindruck, dass es den meisten doch nur um einen schulfreien Tag oder ein Gratis-Konzert ging“.

Viel besser gefällt ihm, wenn die Auseinandersetzung im kleinen Rahmen vonstatten geht, wie die Zeitzeugengespräche, oder wie ein Projekt das SchülerInnen aus dem 3. Bezirk mit ihrem Lehrer organisiert hatten: „Eine Hälfte setzte sich mit Heinrich Gross´ Werdegang auseinander, und die andere mit mir, dem Friedrich Zawrel. Ich hatte praktisch nichts zu tun – die SchülerInnen forderten mich lediglich auf, ich möge „Fehler“ korrigieren“ – doch das musste Herr Zawrel nicht, denn sogar den Mädchennamen seiner Mutter hatten sie ohne seiner Hilfe ausfindig machen können.

"Bitte hören Sie nie auf zu fragen!"

Eine beim Zeitzeugengespräch anwesende Lehrerinen drückt ihre Emotionen nach der Veranstaltung so aus: „Ich bin erschüttert. Ich wusste ja viel über das NS-Herrschaft, aber, dass Menschen nach 1945 wieder mit dem Stigma „asozial“ von den gleichen Ärzten an den Abgrund der Gesellschaft gedrängt wurden, hätte ich mir in einer Demokratie nicht vorstellen können.“

Erschüttert ist Herr Zarwel auch, wie er mir später bei einer Schartnerbombe Zitrone erzählt. Er habe gelesen, dass das Hanuschkrankenhaus zugesperrt werden soll. Was wird mit den Kranken passieren? Es gebe Diskussionen, alten Menschen keine teure medizinische Behandlungen zukommen zu lassen, erzählt er mir. Was heißt das heute, wenn überlegt wird, einem 70-jährigen keinen Herzschrittmacher mehr zu finanzieren?

Damals wurde es „Kosten-Nutzen-Rechnung“ genannt und auch heute heißt es „Kosteneinsparungen“. Ärzte, jene Berufsgruppe, die am stärksten in die NSDAP integriert war, haben schon von „Ausmerze“ und „Auslese“ gesprochen, als Hitler noch ein Sängerknabe war, erinnert der Zeitzeuge. Das es bei Ideen um den „Wert des Lebens“ sehr viele Parallelen zwischen „damals“ und heute gibt, sollten wir erkennen und auch Jugendlichen vermitteln, so Herr Zawrel: „Bitte hören Sie nie auf zu fragen, wie es damals war und was geschah“.