Rückkehr in ein versehrtes Land: Labina Mitevska in der mazedonischen Produktion "How I Killed A Saint" - Gewinner des "Crossing Europe Award 2004".

Foto: Filmcrossing Europe
Junges europäisches Kino zu Gast in Linz: Die erste Ausgabe des Filmfestivals "Crossing Europe" zeigte, dass dessen Potenzial und Attraktivität hierzulande längst nicht ausgeschöpft sind.


Linz - Aller Anfang war konkret: Über eine Straße, eine dokumentarische Passage durch die Linzer Dametzstraße von Edith Stauber und Michaela Mair, der vom Winde aus dem Freien in mehrere Kinosäle verwehte Eröffnungsfilm, schärfte erst einmal den Blick fürs unmittelbare räumliche Umfeld des Geschehens.

Vom Standort des neuen Linzer Filmfestivals mit dem programmatischen Titel Crossing Europe bewegte man sich dann im Kino fünf Tage lang in alle Himmelsrichtungen über den Kontinent Europa - verstanden als ein geopolitisches Terrain, das sich nicht auf das Gebiet der erweiterten EU beschränkt.

So ging der mit 10.000 Euro dotierte Hauptpreis des Festivals schließlich auch an How I Killed A Saint (Kako ubiv svetec), das Spielfilmdebüt der jungen mazedonischen Regisseurin Teona S. Mitevska, koproduziert von Mazedonien, Slowenien und Frankreich.

Eine junge Frau - verkörpert von Mitevskas Schwester Labina - kehrt darin 2001, kurz vor Kriegsbeginn, aus den USA in ihre Heimat zurück. Die instabile Lage, schwelende Konflikte spiegeln sich innerhalb der eigenen Familie wider. Der jüngere Bruder ist kurz davor, seine nationalistische Haltung mit terroristischen Mitteln durchzusetzen.

Mitevskas Film hält in der Folge viel in Schwebe, entwirft ein brüchiges Bild komplexer Zusammenhänge. Ein offener Zugang, den man auch anderen gezeigten Arbeiten attestieren kann - in einem insgesamt überzeugenden, von Festivalleiterin Christine Dollhofer zusammengestellten Programm: Kein Genrekino, keine Euro-Prestigeprojekte wurden in Linz präsentiert. Dafür Arbeiten ohne Österreichverleih wie der wunderbare russische Spielfilm Koktebel, geschrieben und inszeniert von Boris Chlebnikow und Alexej Popogrebskij.

Auf Reisen

Das Spielfilmdebüt der beiden Russen ist ein ungewöhnliches Roadmovie, das in seiner Konzentration auf eine labile Vater-Sohn-Beziehung an die Arbeiten von Sandrine Veysset erinnert.

Der vorherrschende realistische Gestus bricht sich immer wieder unvermittelt an den Wahrnehmungen des kindlichen Helden, und aus alltäglichen Settings - eine einsame nächtliche Wanderung durch menschenleere Landstriche - werden dann unerwartet ganz eigenwillige, traumartige Szenerien.

Neben europäischem Erzählkino standen vielfältige dokumentarische Zugänge zur Ansicht - so etwa die slowenische Produktion Peterka: Leta odlocitve (Peterka: Year of Decision) von Vlado Skafar: Ein ungewöhnliches Sportlerporträt, das den Skispringer Primoz Peterka durch ein Jahr seiner Karriere begleitet, an dessen Beginn selbige einen Tiefpunkt erreicht hat.

Eine Annäherung an den Protagonisten, die nicht zuletzt durch dramaturgischen Eigensinn beeindruckt. So wird der schließlich erreichte, lange ungewisse Erfolg bei der Olympiade in Salt Lake City - die slowenische Springermannschaft holte eine Bronzemedaille - aus der Rückschau, mit gemessenem Abstand und aus der Erfahrung von Misserfolgen erzählt.

Abgesehen vom internationalen Programm setzte man mit der Reihe Local Artists erfolgreich auf gewisse Standortvorteile. Auch hier wurde ein Preis vergeben. Den Crossing Europe 2004 Award Local Artist im Wert von 6000 Euro erhielt Michaela Schwentner für ihre Arbeit Jet, die stimmige visuelle Bearbeitung eines Tracks der Band Radian.

Und das Verlassen der traditionellen (Kino-)Räume, beispielsweise mit allabendlichen Aufführungen in der Kapu, wurde ebenfalls mit regem Publikumsinteresse bedankt. Umgekehrt wäre bei der Auswahl neuer dokumentarischer Arbeiten aus der benachbarten Slowakei und der Tschechischen Republik durchaus noch freier Platz im Kinosaal gewesen.

Für die diesbezüglich offenbar weiter zu leistende Aufbauarbeit - gegen die ökonomische und ästhetische Hegemonie des Hollywoodkinos und das hartnäckig auf bestimmte Regionen beschränkte Interesse an europäischen Autorenfilmen - ist allerdings ein guter Anfang geglückt. Die Schlussbilanz des mit 260.000 Euro bescheiden ausgestatteten "Pilotfestivals" stellt die Veranstalter zufrieden: 5500 Kinobesucher sowie weitere 3000 Gäste bei den Rahmenveranstaltungen.

Vor Ort

Dass das Linzer Publikum das erweiterte Kulturangebot sukzessive stärker nutzte, konnte man in den vergangenen Tagen vor Ort feststellen. Die Betreiber hoffen nun auch auf verstärktes Engagement der Fördergeber, die sich im Rahmen der Eröffnung ausdrücklich zum neuen Festival bekannten. Der Termin für 2005 (26. 4. bis 1. 5.) steht jedenfalls fest. Zwei Spielfilme aus dem diesjährigen Crossing Europe -Programm sind außerdem am Mittwoch, 12. 5., im Österreichischen Filmmuseum zu sehen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 10.5.2004)